wg. Telepolis-Artikel

Jaja, ist ja schon gut! :D Jede Menge Mails und sogar der dezente Hinweis in den Kommentaren lassen mir ja keine andere Wahl. Ich muß wohl mal was zum aktuellen Telepolis-Artikel (Link zu heise.de) schreiben.

“Taxitarife: Energievergeudung auf Kosten der Kunden”

Ich find den Artikel auch übertrieben polemisch. Die Entstehung dieses Textes dürfte ungefähr so vonstatten gegangen sein: Autor fährt Taxi, erlebt beschriebenes und zimmert sich eine Erklärung, die er dann “vielen Taxifahrern” unterstellt.

“Viele Taxifahrer rasen von einer Ampel zur nächsten – um dort möglichst lange zu stehen. Die behördlich festgelegten Taxitarife belohnen diese Treibstoffverschwendung”

Richtig ist natürlich, daß in vielen Kreisen die Wartezeit auch an der Ampel berechnet wird. In einigen Kreisen gibt es eine Karrenzzeit, entweder pro Stopp oder pro Fahrt. Kann man sich so vorstellen, daß erst ab der 3. Minute an jeder Ampel oder bei addierten 3 Minuten für die ganze Fahrt die Wartezeit berechnet wird. Reine Programmierungssache und die wird von der geltenden Fahrpreisordnung bestimmt.

Richtig ist sicherlich auch, daß es einzelne Fahrer gibt, die gleichzeitig so schlau doof und so arschig ihren Kunden gegenüber sind, um diese Wartezeit zu “optimieren”.

Die meisten Ampelraser dürften eher die nächste Fahrt im Auge haben. Und dann ist man mit kontaktgesteuerten Ampeln tatsächlich schneller unterwegs.

Ich vermeide so eine Fahrweise natürlich (oder hättet Ihr was anderes von mir erwartet? :D ). Es gibt so viele Gründe, hier mal ein paar:

Die Trinkgelder leiden drunter. Und zwar mehr, als die gewonnenen Umsatzprozente ausmachen.

Und nutzbar ist der “Trick” verkehrsbedingt wohl nur nachts. Da hat man es mit großtenteils mit Betrunkenen zu tun, die potenziell kotzgefährlich sind. Eine überflüssige Wagenreinigung und der ganze Gewinn ist dahin.

Der allerwichtigste Grund: Die Fahrgäste mögen es nicht. Manche schreiben sogar Artikel darüber!

Einer der häufigsten Gründe, warum ich nach meiner Telefonnummer (also, ähem, die des Taxis) gefragt werde, sind die schlechten Erfahrungen mit Verkehrsrowdys bei vorherigen Taxifahrten. Das ist eine unglaublich gute Kundenbindung, die dazu noch fast umsonst ist.

Nur der Vollständigkeit halber: Rabiate Fahrweise ist für die TaxiUNTERNEHMER mitnichten ein gutes Geschäft (durch längere Wartezeitberechnung vor Ampeln). Spritverbrauch und Werkstattkosten sind garantiert höher als der Gewinn.

Und generell finde ich die Wartzeitberechnung sehr gut. Warum soll eine 5-Minuten-Fahrt mitten in der Nacht nicht billiger sein als dieselbe Strecke im 20-Minuten-Verkehrschaos zur Rush-Hour? Kann der Fahrer was dafür? Und, BTW, wir reden von 30-40 Cent pro voller Minute.

Dieser Absatz ist übrigens völliger Bullshit:

“Krass ist die Regelung in Stuttgart ausgefallen. Dort werden Taxifahrer quasi bestraft, wenn sie langsamer als 16,67 km/h fahren. Unter dieser Geschwindigkeit wird nur der Zeittarif berechnet, darüber die Wegstrecke. Der Chauffeur wird durch die verordnete Preisgestaltung also dazu angehalten, über 16,67 km/h zu fahren, um bei nächster Gelegenheit (Stau, Rückstau, Ampel) möglichst lange warten zu können.”

Allein schon die Vorstellung, jemand würde sich sinnvoll mit unter 16,67 km/h bewegen, ist dummes Zeug. Nur absolute Vollhonks fallen auf solch niedrige Geschwindigkeiten zurück, wenn eine rote Ampel mehr als 20 Meter entfernt ist. Alles andere ist rücksichtslos den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber. Auch nochmal das Stichwort: Kontaktgesteuerte Ampelanlagen. “Krass” geht anders.

“Wenn Sie das nächste Mal in einem Taxi sitzen, können Sie selbst beurteilen, wie Ihr Fahrer seinen Tarif auslegt.”

Mit 2-5% Wahrscheinlichkeit kann man Rückschlüsse auf die “Tarifauslegung” des Fahrers ziehen. In den restlichen Fällen hat man es einfach mit einem Menschen am Steuer zu tun. Und grade in unserer Branche gibt es da vom allumfassenden Vollidiot bis zum in jeder Hinsicht hochgebildeten Menschen die volle Bandbreite menschlichem Seins.

Die Idioten vermeidet man beim nächsten Mal, den guten Fahrern schwatzt man die Telefonnummer ab und nutzt diese auch. So einfach ist das.

14 Antworten zu “wg. Telepolis-Artikel”

  1. Soulsnatcher sagt:

    Naja, mal ehrlich.
    Heiseartikel sind doch in den meisten Fällen polemisierend, schlecht recherchiert und grenzen häufig an bewusstes Lügen.
    Krass, oder?

  2. Bernie sagt:

    In taxireicheren Zeiten (am Mönchengladbacher Stadtrand wohnend) hatte ich ein paarmal das Vergnügen mit einem Fahrer, dessen persönlicher Ehrgeiz es war, an keiner roten Ampel stehen zu müssen. Dementsprechend fuhr er mal etwas schneller, mal etwas langsamer – und es hat jedesmal funktioniert! Der kannte alle Ampelphasen auswendig und hat auch Wetten damit gewonnen, wie er mir berichtete. Hat mich sehr beeindruckt.

  3. Arno sagt:

    > Heiseartikel sind doch in den meisten Fällen polemisierend, schlecht
    > recherchiert und grenzen häufig an bewusstes Lügen.
    > Krass, oder?

    Das ist mal einer der Fälle wo ich mir nicht sicher bin ob die Aussage ironisch oder ernst gemeint ist.
    Anonsten: Telepolis ist nicht ganz Heise, sondern ein recht freies Meinungsforum und der Großteil des Artikels war ja wohl wie in dem Beitrag heir geschrieben wurde auch nicht generell falsch, sondern nur ggf. zu verallgemeinert, was bei Medien ja nun keine Überraschung ist.

  4. oldschool sagt:

    Daniel Sokolov schreibt immer so interessante Berichte, die wohl mehr seinen eigenen Frust als realistische Fakten wiedergeben…

  5. Donalbain sagt:

    Vorweg erst einmal, dass eine Berechnung der Wartezeit durchaus sinnvoll ist, da ja auch dann die Benzin- und vor allem die Personalkosten weiterlaufen. Solange der Fahrgast die Wartezeit verursacht („Warte mal eben hier! Ich muss eben noch Zigaretten holen!“) sieht das der Fahrgast ja auch in den allermeisten Fällen ein, zumal es sich die zwei bis drei Minuten Wartezeit nicht zu allzu großen Beträgen addieren. Wer das nicht versteht, der sollte sich dann mal überlegen, ob er mit dem Taxi das richtige Verkehrsmittel gewählt hat, denn es ist bei ungünstigen Umständen (Wochenende, Nacht, ein Fahrgast, der den Preis alleine stemmen muss) nun einmal teurer als der Bus, fährt im Gegensatz zu diesem aber rund um die Uhr und bringt jeden von jedem x-beliebigen Ort fast überall hin.
    Für den Fahrer ist es auch ganz gut, denn gäbe es diese Regelung nicht, würde aus dem kurzen Zigarettenkaufen wohl nicht selten ein ausgedehnter Wochenendeinkauf für die gesamte Familie. Läuft die Uhr aber weiter, kann er sicher sein, dass der Fahrgast relativ zügig zurück ist, und die sowieso latent vorhandenen Gedanken („Mist! Jetzt stehe ich hier, während der Typ Zigaretten holt, dabei stehen 500 Meter weiter bestimmt Dutzende Fahrgäste, die alle ewig weit weg wollen“) nehmen nicht überhand.
    Dass der Fahrer bei manchen Taxametern bei entsprechender Programmierung manchmal die Wartezeit fast vollständig umgehen kann (Stammkunden, netter Fahrgast etc.) – hier nur erwähnt, da es mal in den FAQ stand – wundert mich immer noch, wo sich doch sonst die meisten Unternehmer keinen Cent entgehen lassen (Sitzkontakte etc.)!
    Wobei wir auch schon beim springenden Punkt wären: der Unterscheidung TaxiUNTERNEHMER – TaxiFAHRER!
    Neben all den von Torsten bereits genannten Argumenten, warum kein vernünftiger Taxifahrer in der im Artikel beschriebenen Art und Weise auf rote Ampel zuhält, ist sicherlich folgendes entscheidend:
    Zwar klingt folgendes erst mal logisch: „Wiederum verrechnet der Taxameter zunächst die Wegstrecke und dann die Wartezeit. Die Kasse klingelt [...]“ Doch man sollte sich mal fragen: Bei wem denn? Beim Fahrer? Beim Unternehmer? Zwar steht nachher ein höherer Betrag auf der Uhr, doch der Fahrer profitiert davon meistens finanziell doch nicht. Denn ihm entgehen nicht nur die Trinkgelder, weil sich der Fahrgast ver****** fühlt, sondern er ist zwar häufig am Umsatz beteiligt, wobei einige Unternehmer (übrigens wohl auch im schönen Paderborn) jedoch Umsatz als Grundgebühr plus Besetztkilometer definieren, also die Wartezeit ganz galant ausklammern. Ergo ist es für die Umsatzbeteiligung des Fahrers egal, wie viel Wartezeit mit weiterlaufender Uhr er hatte, bei ihm klingelt die Kasse dann nicht durch ein Ausnutzen roter Ampeln. Für ihn wäre das ganze nur sinnvoll, um den Betrag auf der Uhr geringfügig um ein paar Euro zu erhöhen (denn mehr lässt sich da während einer Schicht eh nicht rausholen) und mit diesem gegenüber seinen Kollegen und seinem Chef zu protzen. Naja, wer es nötig hat. Und beim Chef würde die Freude über die geringfügig höheren Umsätze höchstwahrscheinlich schnell in blankes Entsetzen umschlagen, wenn er sähe, wie verschwenderisch seine Fahrer dafür mit dem Sprit und den Wagen umgehen müssten.

  6. Gucky sagt:

    In einem Nachbarort gibt es eine Straße, die sehr lang durch den Ort führt und auf der viele Ampeln sind. Wenn man eine bestimmte Geschwindigkeit einhält, kommt man ohne Bremsen und Beschleunigen durch alle Ampeln.
    Das geht natürlich nur, wenn der Verkehr zügig läuft, also nicht so viel da ist.
    Mein Ehrgeiz war es immer, ohne anzuhalten durch alle Ampeln zu kommen. Da habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich vielleicht ein- zwei mehr Euros einnehmen könnte.
    Im Gegenteil, wir waren meistens (wenn wir so weit aus dem Ort rauskamen, also meist am Wochenende), so unter “Druck”, daß man eher immer zu schnell fuhr. Aber über diese lange Straße kam man eben am schnellsten, wenn man nicht groß anhalten mußte.
    Im Übrigen war mein Prinzip immer, den Fahrgast sicher und komfortabel an seinen Zielort zu bringen !
    Das Taxifahren ansich ist teuer genug und der Fahrgast setzt sich nicht in ein Taxi um sich abzocken zu lassen und diese “Hoppelei” von Ampel zu Ampel würde ich als Fahrgast auch so empfinden.

  7. Markus sagt:

    > Naja, mal ehrlich.
    > Heiseartikel sind doch in den meisten Fällen polemisierend, schlecht
    > recherchiert und grenzen häufig an bewusstes Lügen.
    > Krass, oder?

    Ich dachte zuerst, du würdest von den Forenbeiträgen schreiben. ;)

    @Torsten: jetzt weißt du, wie man sich als Lehrer fühlen muss. Die bekommen ähnliche Sachen ständig zu hören und zu lesen. ;)

    Markus

  8. Kommentator sagt:

    Ein Taxinutzer aus Hamburg meldet sich.

    Ich bitte Taxifahrern stets und auffallend schon beim Einstieg darum, mich und die anderen gleichzeitig einsteigenden Fahrgäste
    - unter Einhaltung der jeweils gebotenen Höchstgeschwindigkeit
    - ohne Drängeln, schnellem Spurwechseln, Dichtauffahren, Licht- wie auch sonstigem Hupen
    - und ohne Nutzung von Schleichwegen durch Wohngebiete
    nach Hause (oder zu anderen Ziele) zu fahren.
    Diese Bitten sind jeweils als Bedingung für die Auftragserteilung aufgeführt – ich führe nicht mit, wenn der Fahrer das nicht ernst nähme.

    Was resultiert daraus?
    - Zuerst erstaunte Blicke (“high brow”) der Taxifahrer, darauf folgend meistens wortreiche Ehrenbekundungen, dass Raserei etc. ohnehin nicht geplant sei
    - Gleichzeitig pikierte Blicke und gemurmelte Kommentare der Mitfahrer, die das komisch finden
    - Anschliessend eine stress- und ereignisarme Fahrt nach Hause, ohne Überholmanöver, ohne Belästigung von Anwohnern in verkehrsberuhigten Wohngebieten, und gerne mit (nachts in der Regel sowieso kurzen) Wartezeiten an Ampeln
    - Entspannte Gespräche aller Mitfahrer (incl. Taxifahrer)
    - Ein gern gegebenes gutes Trinkgeld an den Fahrer (der diese Gelassenheit, so mein Eindruck, oft auch nicht fassen kann)

    Kostet einen oder zwei Euro mehr, und am Ende denken alle, die dabei waren: “Wieso nicht immer so?”

    Frage ich mich auch.

  9. Andi sagt:

    @ Kommentator

    > Kostet einen oder zwei Euro mehr, und am Ende denken alle, die dabei waren: “Wieso nicht immer so?” <

    Du hast die Frage qausi selbst beantwortet.

  10. Meine Ecke sagt:

    @Kommentator,

    ist auch richtig so!

  11. tobias sagt:

    Genau aus diesem Grund lese ich Telepolis schon lange nicht mehr. Sie waeren ein unglaublich gutes Blatt, wenn sie nicht jeden “Vollhonk” schreiben lassen wuerden.
    Ist mittlerweile eine Art “open-blog” fuer jeden, der irgendwann einmal “beruflich” etwas geschrieben hat und seinen Hass ueber irgendjemanden/etwas loswerden moechte.
    Bildniveau mit besserem Wortschatz.

  12. Taxifahrer kassieren doppelt » heidemann.iT :: netzwerkadministration || webdesign sagt:

    [...] Update: Es gibt wohl auch gegenteilige Meinungen. [...]

  13. the blog of guruz sagt:

    Taxis und Umwelt…

    Interessant: Bei manchen Taxitarifen wird eine Fahrweise gefoerdert bei dem der Fahrer immer kurz rast und dann an der roten Ampel laenger warten muss.
    Update 21.2.2008: Im Taxi-Blog gibts was dazu.
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  14. taxi-blog.de » Blog Archive » Und nochmal Telepolis… sagt:

    [...] Artikel war ja schon ganz lustig (ich schrub schon was dazu). Aber macht bloß nicht den Fehler, Euch noch die Kommentare [...]

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