Risikomanagement, menschlich

Es klingt paradox: Je mehr Sicherheit im Auto wir uns “erkaufen”, desto mehr Unfälle passieren.

Auch eine technische Errungenschaft, die das Unfallrisiko tatsächlich senken kann, hat nicht unbedingt die erwarteten positiven Folgen. Im berühmt gewordenen Münchner Taxi-Experiment Ende der Achtzigerjahre wurde ein Viertel der Münchner Taxi-Flotte mit Antiblockiersystem (ABS) ausgestattet – mit überraschenden Konsequenzen: Nach drei Jahren waren Taxis mit ABS in knapp der Hälfte aller 747 Unfälle verwickelt. Eine probate Methode, die Unfallzahlen zu reduzieren, scheint die elektronische Bremshilfe also nicht zu sein. Als geschulte Beobachter als Fahrgäste in die Taxis stiegen – ohne selbst zu wissen, ob sie eins mit ABS erwischt hatten oder nicht – zeigte sich der Einfluss der Technik deutlich. Fahrer von Autos mit Antiblockiersystem schnitten die Kurven stärker, gerieten öfter auf die Gegenfahrbahn und beschleunigten und bremsten kräftiger.

Die technische Errungenschaft forderte die geübten Fahrer offenbar heraus, riskantere Fahrweisen zu erproben. “Verhaltensanpassungen der Verkehrsteilnehmer, die nach der Einführung von Sicherheitsmaßnahmen erfolgen, können die Sicherheit mindern”, schrieben Verkehrsexperten der Organisation für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit in ihrer Analyse der Studie.”

(Quelle: Spiegel Online, der Artikel ist eine echte Leseempfehlung!)

Es gibt da auch noch die schöne Geschichte von der Gebirgsstraße, die jahrelang mit Tempo 70 ausgeschildert war. Die gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit lag deutlich höher, Unfälle waren recht häufig.

Irgendwann hat man mutig die Beschränkung aufgehoben. Statt die nun theoretisch möglichen 100 km/h auszunutzen, kamen die Autofahrer jedoch zur Vernunft. Die Durchschnittsgeschwindigkeit und die Unfallzahlen sanken deutlich unter den alten Wert. Der Durchschnittsverstand hat auch ohne Schilderwald ausgereicht, die Gefährlichkeit der Strecke zu erkennen.

Leider kann ich keine Quelle vorweisen, vielleicht ist es auch eine “Urban Legend”. Eine schöne, wie ich finde.

Ich schlußfolgere einfach mal (wenn auch unzulässig), daß meine Fahrgäste somit im vermutlich sichersten Taxi Paderborns sitzen. Immerhin habe ich kein ABS, kein ESP, keine 17 Airbags und keinen gesonderten Seitenaufprallschutz.

Dafür eine crashoptimierte Karosserie, ein tolles und durchdachtes Fahrwerk (sowas gibt es seit ESP gar nicht mehr) und einen Fahrer, der vorausschauend und auch für andere mitdenkend fährt. ;)

25 Antworten zu “Risikomanagement, menschlich”

  1. dokmok sagt:

    Heißt das nicht auch Moral Hazard Verhalten? Ich hab eine Sicherung also verhalte ich mich risikoreicher??
    Schön am Beispiel des Taxis dargestellt :)

  2. pit sagt:

    Dann weiß ich ja wenn ich anrufe wenn ich mal in der Gegend bin :-)

  3. Tichondrius sagt:

    Jaa, so gehts mir auch mit meinem W201 :)

  4. Kurt sagt:

    @dokmok:

    Ja, das entspricht dieser Theorie. Wer zum Beispiel eine Vollkasko-Versicherung für sein Auto abgeschlossen hat, vernachlässigt beim Autofahren einige Risiken, weil die Reparaturkosten übernommen werden. Deshalb gibt es ja immer die Selbstbeteiligung, um so ein Verhalten nicht auf die Spitze zu treiben.

    Es gab da mal den (natürlich nicht ernst gemeinten) Vorschlag, statt eines Airbags einen Dolch im Lenkrad zu installieren – mit den entsprechenden Folgen nach einem Auffahrunfall. Die Autofahrer würden so vorsichtig wie nie zuvor fahren. Ähnliches müßte man dann auch vor allem für Radfahrer und Fußgänger einrichten.

  5. Tom sagt:

    Die Idee mit dem Dolch ist mir neu und auch grundsätzlich gar nicht so blöd :) Aber andererseits trifft ich der Dolch dann auch, wenn mein Vordermann plötzlich zurücksetzt – auch schon erlebt ;)

  6. trillian sagt:

    *seufz* Mein W123 damals hatte auch nichts (außer Servolenkung). Aber der Wagen war trotz Heckantrieb super zu beherrschen. Und der Bremsweg ohne ABS ist nunmal wesentlich kürzer.

  7. ICeY sagt:

    @trillian: Der Bremsweg auf trockener Straße ohne ABS ist sicherlich kürzer, was machst du allerdings auf einer nassen Kurvenreichen Straße, wenn plötzlich ein Reh vor dir auftaucht? Mit ABS hättest du dann zumindest noch eine größere Chance auszuweichen. Und ich denke aufgrunde der Vorteile kann man den minimal längeren Bremsweg in Kauf nehmen.

    Ich würde mir z.b. niemals ein Auto ohne Airbag und ABS kaufen, meine Fahrweise beeinflusst das auch nicht, auch wenn ich noch nicht lange fahre!

  8. Jens sagt:

    1991: 11300 Verkehrstote
    1996: 8800 Verkehrstote
    2001: 6000 Verkehrstote
    2006: 5091 Verkehrstote in Deutschland (Quelle: ddp, destatis.de)

    Dass die Verkehrsdichte seither gestiegen ist, braucht wohl nicht durch Zahlen belegt werden. Und die Autofahrer sind weder schlauer noch vorsichtiger geworden (behaupte ich jetzt einfach mal). Von daher kann wohl keiner sagen, die ganzen technischen Rafinessen hätten nichts gebracht.

    Aber die Anzahl der Fahrer, die “vorausschauend und auch für andere mitdenkend” fahren ist halt leider auch gesunken (gefühlsmäßig sogar noch stärker). Ansonsten könnten die Zahlen wohl noch viel besser aussehen…

    naja… eigendlich macht Autofahren ohne den ganzen technischen Schnick-Schnack erst richtig Spass…

  9. Joe sagt:

    Das ist nicht auf Autos begrenzt. Auch bei Fahrradfahrern funktioniert das. Beispiel Fahrradhelm:

    Die Helmtragequote liegt in Deutschland zwischen 3 und 5 Prozent. Aber von verunfallten Radfahrern im Krankenhaus haben 15 Prozent (also der drei- bis fünffache Anteil) einen Helm auf. Daher kommt die irreführende Werbung “Bis zu 85 Prozent weniger Kopfverletzungen.”

    Eine irische Studie untersuchte die Wirkung des Fahrradhelms auf andere Verkehrsteilnehmer. Ergebnis: Wer einen Fahrradhelm trägt, wird knapper überholt, die Seitenabstände sinken bis auf die Hälfte ab. Das passive Unfallrisiko steigt also.

    Nur indem man den Verkehr gefährlich macht, macht man ihn sicher, das zeigen verschiedene Verkehrsexperimente in Europa:

    http://www.pcmasters.de/forum/politik-wirtsch...

  10. Martina sagt:

    Man hätte ABS einführen sollen, ohne bescheid zu sagen…im Stillen sozusagen :D

  11. Tichondrius sagt:

    In Physik hat man uns erzählt, dass die Gleitreibung schwächer als die Haftreibung ist, demnach sollte der Weg mit ABS noch kürzer werden…meistens ;)

  12. Kurt sagt:

    @ Jens:

    Die sinkenden Zahlen der Verkehrstoten werden allerdings auch häufig falsch interpretiert, nämlich im Sinne von: “Die Autofahrer werden vernünftiger und fahren vorsichtiger, deshalb haben wir auch sinkende Todeszahlen.”

    Sicher ist, dass bei bestimmten Unfällen die Autofahrer heute “nur” verletzt werden, während sie damals noch getötet worden wären.
    Man muss aber auch schauen, wie sich die Zahl der Verletzten in den letzten Jahren entwickelt hat. Und die ist nicht gesunken, sondern häufig weiter gestiegen. Daraus lässt sich durchaus schlussfolgern, dass die Autofahrer ihre (riskante) Fahrweise nicht geändert haben, heute aber mehr Glück bzgl. der Unfallfolgen haben. Es ist also auch wieder eine Anpassung des Fahrverhaltens an die technische Entwicklung.

  13. Matthias sagt:

    Die meisten Autofahrer verstehen nun mal den Sinn der ganzen Sicherheitsmaßnahmen nicht. Die springen in Extremsituationen an (Stichwort ABS: eine Vollbremsung ist eine Extremsituation!), um dort Sicherheit zu gewährleisten… aber der beste Airbag kann kein vorausschauendes Fahren ersetzen.

  14. ince sagt:

    Wenn ich das im Laufe der Zeit richtig mitbekommen hab fährst du ja auch nen W124 Das ist ein Auto das zwar ne Menge aushält, bei dem man aber garnicht riskieren will, dass es kaputt geht.
    Ich kenn das, ich fahr nen 190er (allerdings nicht als Taxi). :D

  15. Volker Schepker sagt:

    Naja, wer aufgrund dieser Einrichtungen im Auto so fährt, dem möchte ich eh nicht auf der Straße begegnen.
    Wie oben schon angesprochen, das soll alles in einer Extremsituation eingesetzt werden, welche im normalen Straßenverkehr sicher sehr selten passiert. Ich kann mich jetzt nur an 2 oder 3 Situationen erinnern, wo ich wirklich ABS gespürt habe.
    Auf einer Rennstrecke macht sowas sicherlich mehr Sinn, aber wie gesagt: Rennstrecke ;)

  16. Puck sagt:

    Wenn ich da mal die Taxifahrer in Berlin als Referenz rannehme, und mit denen bin ich in den letzten Jahren verdammt viel gefahren, dann ist es unerheblich wieviel Schnickschnack und Sicherheitstechnik im Auto drin ist oder nicht, die fahren immer wie Drecksau. ;-)

  17. Panic sagt:

    @Joe das mit der irischen Studie ist doch totaler quatsch, ich als Autfahrer hab noch nie bewusst geschaut ob ein Fahrradfahrer einen Helm trägt oder nicht, während ich vorbei fahre und das das meinen Abstand ect. beeinflusst geht ja glei gar nich.

    Ich sehe es eher so das die meisten die mit Helm fahren absolute Vielfahrer sind, also es täglich für oder zur Arbeit benutzen und das für die die Unfallquote steigt ist irgendwie logisch…

  18. butscher sagt:

    ich halte aussagen wie “……das autofahrer ihre riskante fahrweise nicht geändert haben….” oder “….autofahrer sind weder schlauer noch vorsichtiger geworden….” für falsch.wenn ich die verkehrsdichte heute mit der vor 20zig jahren vergleiche erstaunt es mich eher das nicht mehr passiert.die große mehrheit der fahrer und ganz besonders der berufsfahrer geht die sache sehr überlegt und vernünftig an.es fallen aber nur die spinner auf.
    zum abs. ob mit oder ohne,es gibt immer ein limit.reizt man das aus erhöht sich das risiko.privat komme ich gut ohne aus,aber beruflich erleichtert es die arbeit.auch das esp hilft enorm.waren die alten benz(123/124) bei schnee grausame hechschleudern,fahren sich dagegen die e-klasse mit esp. wie auf schienen.wer mal nachts bei schnee 10std gefahren ist weiß das zu schätzen

  19. Joe sagt:

    > das mit der irischen Studie ist doch totaler quatsch, ich als Autfahrer hab noch nie bewusst geschaut ob ein Fahrradfahrer einen Helm trägt oder nicht, während ich vorbei fahre und das das meinen Abstand ect. beeinflusst geht ja glei gar nich. Ich sehe es eher so das die meisten die mit Helm fahren absolute Vielfahrer sind, also es täglich für oder zur Arbeit benutzen und das für die die Unfallquote steigt ist irgendwie logisch… 10.000 km p. a.), die einen Fahrradhelm benutzen, gibt es nicht.

  20. Joe sagt:

    > das mit der irischen Studie ist doch totaler quatsch, ich als Autfahrer hab noch nie bewusst geschaut ob ein Fahrradfahrer einen Helm trägt oder nicht, während ich vorbei fahre und das das meinen Abstand ect. beeinflusst geht ja glei gar nich.

    Erstens fährst Du nicht vorbei, sondern Du überholst. Auch Du wirst unbewußt Deinen Seitenabstand herabsetzen, nur steht bei Dir keiner mit dem Lineal daneben (oder mit einem Radar wie bei der Studie) und mißt nach. Deshalb hast Du den falschen Eindruck, alles bliebe unverändert.

    > Ich sehe es eher so das die meisten die mit Helm fahren absolute Vielfahrer sind, also es täglich für oder zur Arbeit benutzen und das für die die Unfallquote steigt ist irgendwie logisch…

    Es setzen sich bevorzugt unerfahrene Autofahrer den Helm auf, wenn sie 1x im Jahr auf dem Fahrrad sitzen. Sie fahren dann genau so, wie man das von Fahrern mit Hut erwartet.

    Echten Vielfahrer (> 10.000 km p. a.), die einen Fahrradhelm benutzen, gibt es nicht.

  21. Nicolas sagt:

    Ich nehme an, dass die Anzahl der schweren Unfälle gerade wegen der steigenden Verkehrsdichte sinkt – es gibt häufig einfach keine Möglichkeit zu rasen oder zu überholen. Und bei einer sinkenden Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt natürlich auch massiv die Massivität der Unfallfolgen.

  22. cyberfreak77 sagt:

    Erstklassiger Eintrag der endlich auch mal aufzeigt was viele nicht wahrhaben wollen. Die Überreglementierung ist in weiten Teilen Kontraproduktiv weil der einzelne völlig aus der Verantwortung genommen wird. Deshalb ist auch ein generelles Tempolimit auf der Autobahn aus Gründen der Verkehrssicherheit absoluter Unsinn. Sobald irgendwo eine offizielle Geschwindigkeitsangabe zu finden ist braucht man ja selbst nicht mehr darüber nachzudenken ob die gefahrene Geschwindigkeit angemessen ist.

  23. butscher sagt:

    @ cyberfreak77
    du hast absolut recht.die reglementierungswut in deutschland hat lediglich dazu geführt das die leute sich nur an die gesetze halten die ihnen in den kram passen.
    in der bibel heißt es ja auch nicht “die 1472 gebote”(–ist banane,nicht ernst gemeint)

  24. cyberfreak77 sagt:

    @ butscher:
    Laut George Carlin war die Reglementierung auch bei den 10 Geboten schon völlig überzogen ;-) –> http://de.youtube.com/watch?v=-iydbDQ4s9k

    Aber im Enst, je mehr Gesetze verabschiedet werden und je mehr detaillierte Vorschriften es gibt um so rücksichtsloser werden doch die verbliebenen Lücken ausgenutzt. Ein Zebrastreifen z.B. verhilft zwar möglicherweise dazu daß an dieser Stelle mehr Fußgänger über die Straße gelassen werden, sorgt aber auch im gleichen Atemzug dafür das bis 500 Meter davor oder dahinter vermehrt Fußgänger auf den Gehsteig “zurückgehupt” werden (ein paar Meter weiter ist schließlich ein Zebrastreifen!).

  25. Bobby sagt:

    Die ganze Sicherheit bringt zum Schluss eh nichts bei den ganzen Verrückten die fahren dürfen. Keine 250 Meter von meinem zu Hause an einer großen Kreuzung rammte ein amerikanisches MP-Fahrzeug (haben ne amerikanische Kaserne hier) ein Taxi mit 4 Insassen, zum Glück alle nur leicht verletzt, Taxi wurde gegen Ampel geschoben die dann ausfiel.

    http://www.polizei.bayern.de/oberfranken/bamb...

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