Einfach irre
Als ich Anfang Januar hier in die Klinik “eingezogen” bin, hab ich mich eigentlich recht gesund gefühlt. Seitdem fühle ich mich von Woche zu Woche “kaputter”. Auf eine sehr gesunde Art allerdings. Klingt paradox, ist aber logisch. Vorher war da oft nur ein diffuses “kann ich nicht/will ich nicht/trau ich mir nicht zu”, ich war damit unzufrieden aber habe es nicht als Problem erkannt, daß mich in meinem Leben einschränkt. Wollte es oft auch unbewusst nicht erkennen.
In den letzten Wochen war es immer der gleiche Ablauf: ich entdecke ein merkwürdiges Verhaltensmuster, eine Blockade, manchmal wurde ich auch von Mitpatienten drauf aufmerksam gemacht. Dann überlege ich und suche nach Gründen und Lösungsmöglichkeiten. Und kommt einfach selbst nicht drauf. Sehr zermürbend.
Und dann geh ich mit einer kleinen Geschichte, einem Erlebnis, bei dem ich mal wieder nicht über meinen Schatten springen konnte, zu unserem Therapeuten und innerhalb weniger Minuten hat er genau die Fragen gestellt, die mir die Lösung bringen. Oder einen Ansatz. Oder eine Erklärung.
Ich hätte nie gedacht, daß es so einen Unterschied machen kann, wenn man einem “Profi” gegenübersitzt. Der Unterschied ist riesig…
Vor ein paar Wochen war meine Meinung zur Psychotherapie eher gespalten. Ich hab mich immer schon für die Fragen nach dem “warum” im menschlichen Verhalten interessiert, viel dazu gelesen und kenne auch durchaus die üblichen Vorgehensweisen, um solche Verhaltensmuster “umzuprogrammieren”.
Im letzten Jahr habe ich da auch einige Erfolge in der “Eigentherapie” gehabt und vieles richtig gemacht. Ein Grund dafür, daß ich den Therapeuten hier keine großen Sprünge mehr zugetraut habe. Ich weiß ja eigentlich, wie es richtig geht, muß mich nur überwinden. Scheiß auf irgendwelche Erlebnisse in der Vergangenheit, wichtig ist es, die Zukunft zu meistern.
Erst jetzt merke ich, wieviel kleiner die Hürden für mich werden, wenn ich auch die Ursachen finde und bearbeite.
Und das ist mal ein richtig gutes Gefühl!
3. März 2010 um 18:58 André(Quote)
Finde ich super und es ist gut zu “hören”/lesen, dass es dir besser geht.
Viele Menschen haben ja Vorurteile, wenn es um den sog. “Seelenklempner” geht. Ich denke aber, dass es oft einfacher ist, wenn man einem Fachmann vertraut.
Ich würde mein Auto ja auch nicht selbst auseinander nehmen, wenn ich keine Ahnung davon habe.
Ich denke, du hast hier einen wirklich großartigen Weg zurück gelegt und damit auch ein Vorbild für andere gegeben.
Ich wünsche Dir daher alles gute und hoffe, dass du noch weitere, positive Erlebnisse und Erfahrungen sammeln wirst. Und ich freue mich natürlich auf weitere, interessante Geschichten.
Gruß aus Ostfriesland,
André
3. März 2010 um 22:52 Claudia(Quote)
Schön zu hören, dass sich was tut und dir das wirklich hilft! Weiter so, du bist auf dem besten Wege. Und, yay, du “wohnst” grad fast nebenan, ich wohne im Nachbarort der Klinik
4. März 2010 um 01:01 Tiffy(Quote)
Wie sehr gefällt Dir Bad Oeynhausen eigentlich außerhalb der Klink, also der Kurpark, den es doch sicher auch gibt, und die Stadt selber?
4. März 2010 um 17:45 Torsten Bentrup(Quote)
@André: Die “Vorbildgeschichte” ist einer der Gründe, warum ich so offen mit meinem Klinikaufenthalt umgehe. Es werden auch noch einige Beiträge nach der Reha kommen. Da nutze ich gerne meine Popularität bei Google, um Menschen mit Essstörungen die Klinik nahezubringen und auch erstmal zu zeigen, daß man sich überhaupt Hilfe holen kann.
@Claudia: Welcher Nachbarort denn?
@Tiffy: Der Kurpark beginnt direkt vor der Klinik. Und er ist tatsächlich ganz schön schön, wenn kein Schnee liegt. Die City ist leider ein wenig durch das Großeinkaufzentrup “Werre-Park” geschwächt, viel Leerstand und Räumungsverkäufe. Dafür gibt es kurstadtbedingt jede Menge netter Kaffees und ein paar richtig gute Kneipen und Restaurants. Und eine Spielhalle mit guten Internetplätzen und kostenlosem Kaffee! Hier kann man also gut leben!
4. März 2010 um 17:59 Claudia(Quote)
@Torsten: Vlotho
Ich habe übrigens ein paar Jahre in Paderborn studiert. Die Welt ist doch sehr klein …
7. März 2010 um 02:04 bee(Quote)
Das ist schön zu hören! Manchmal braucht man einschneidende Erlebnisse und Hilfe von außen, um ein wirkliches Aha-Erlebnis zu haben. Ging mir vor nem Jahr – wenn auch auf ganz anderer Ebene – sehr ähnlich. Freut mich zu hören
8. März 2010 um 11:47 Maniac(Quote)
Ich glaube, das Problem ist wohl, den “richtigen” Therapeuten zu finden, oder?
Ich kenne auch jemanden, der professionelle Hilfe gebrauchen könnte um über einige Zwänge und Probleme hinweg zu kommen.
Aber erste Informationen und Erzählungen führten eher zu so einem Ergebnis: 3x die Woche Therapiestunde und das ggf. über Jahre hinweg. Das klingt natürlich auch nicht wirklich gut und erlegt ja auch wieder neue Zwänge auf…
Dass sowas nicht mit 1x 30 min Handauflegen erledigt ist, ist mir klar. Aber es muss doch auch etwas dazwischen geben, oder?