Kleine Korso-Kunde
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Abgrenzung: Die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle erkennen und auch durchsetzen. Für die meisten Patienten der erste “Therapieerfolg”.
Besteck-Schublade: Nach den Mahlzeiten wird am Tisch aufgeräumt. Dazu wird gruppendynamisch ein Teller oder Brotkorb zur “Besteckschublade” erkoren.
Buffet-Situation: Besonders belastende Nahrungsaufnahme. Egal ob adipös oder magersüchtig, für die meisten Menschen in der Klinik ist die richtige Menge schwer bis gar nicht abzuschätzen.
Caro: Kaffeeersatz-Ersatz, wird zu den “Caros” und zum Abendessen gereicht.
Caros: Zwischenmahlzeiten und -pausen.
Caroraum: Logischerweise der Raum, in denen die “Caros” stattfinden und “Caro” getrunken wird. Ist es aber nicht, dafür gibt es ja den Speiseraum. Der Caroraum dient als Speiseraum für Menschen, die keinen Kaffee trinken dürfen, d.h. die Minderjährigen.
FAK-Tee: Stark abführendes Getränk gegen Blähungen (Korrektur durch den Red.), Abk. für Fenchel-Anis-Kümmel. Muß man nicht kennen, kann man nicht mögen.
Frühsport: Die Betonung liegt leider auf der ersten Silbe. Eine bessere Formulierung wäre “draußen rumhopsen vorm Aufstehen”. Minusgrade im zweistelligen Bereich sorgen grundsätzlich nicht für eine Verlegung in die Sporthalle.
“Genuß ist wiederholbar”: Ausspruch einer Ernährungstherapeutin, der von den unterschiedlichen Krankheitsbildern unterschiedlich interpretiert wird. Adipöse Patienten werden damit aufgefordert, kleine Mengen zu essen und sich lieber darauf zu freuen, daß man auch morgen nochmal den gleichen Genuß bekommen kann. Bulimie-Betroffene haben da eine sehr merkwürdige, stark abweichende Interpretation gefunden…
Gesichtsgestik: Auch unter der Bezeichnung Mimik bekannt.
Gestaltungstherapie: Gefühle malen, in Ton meißeln oder aus bunter Pappe ausschneiden. Muß man mögen.
Kaffee: Frühstücksgetränk, heiß, koffeinfrei. Auch zu den “Caros” und dem Abendessen wird ein entsprechend benanntes Getränk gereicht, dabei handelt es sich aber um “Caro”. Die verabreichte Menge ist tageszeitabhängig. Morgens 1,5 Becher pro Kaffeetrinker, während aller “Caros” ist free-refill. Beim Abendessen gibt es pro 12 Personen exakt eine Kanne. Muß man nicht verstehen.
KlaK-World: siehe “Twillight Zone”
Korso-Buch: Poesialbum für Erwachsene. Es wird unter den Freunden in der Klinik weitergegeben und jeder kann dort ein paar Zeilen, Bilder, passende Zitate und natürlich seine Kontaktdaten unterbringen. Kurz, eine tolle Erinnerung und eine gute Möglichkeit, die Freundschaften weiter aufrechtzuerhalten.
Pawel: Bezeichnung für den Raucher-Pavillon im Garten der Klinik. Wie der Name entstanden ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Vermutlich hat einfach irgendjemand mit Sprachfehler den Namen geprägt und er wird jetzt von Patientengeneration zu Patientengeneration weitergegeben. Mir persönlich gefällt die Bezeichnung “Kommunikationszentrum” deutlich besser.
Prinzesschen-Amt: Auch bekannt als Prinzessinnen-Amt. Für verschiedene Aufgaben innerhalb der Klinik werden Ämter von den Patienten selbst übernommen. Es gibt ein Buch/Spiele-Amt, ein (Bastel-)Material-Amt oder das Ton-Amt für den Brennofen der Töpferwaren. Das Prinzesschen-Amt ist recht neu und entstand durch einen tragischen Unfall während eine Fangen-Spiels, bei dem die Mitspieler in “Prinzessinen” und “Monster” aufgeteilt wurden und eine “Prinzessin” auf der Flucht einen spektakulären Sturz hinlegte. Der verletzte Patient versäumte es bei den folgenden Berichten über seinen Unfall nie, auf seine “Prinzessin-Rolle” hinzuweisen und erhielt in den folgenden Tagen einen rosa Blumenstrauß, ein Prinzessinnen-Hütchen und einen rosa “Zauberstab”. Als seine Abreise nahte, übergab er erstmalig in einer feierlichen Zeremonie die Insignien seiner Macht und gründete damit eine neue Tradition. Amtsinhaber müssen folgende Voraussetzungen mitbringen: aussergewöhnliche Grazilität, ein gewisses Verständnis für Selbstironie und sie müssen männlich sein. Der aktuelle Amtsinhaber hat übrigens die stolze Körpergröße von 2,07 Metern, erfüllt die Amtsbedingungen also perfekt!
Rea-Training: Abk. für Realitätstraining. Im letzten Drittel der Reha-Maßnahme darf man für ein paar Tage, normalerweise bis zu vier Übernachtungen, nach Hause. Ein Test, ob man den Belastungen des Alltags wieder gewachsen ist und die Möglichkeit, noch Schwachstellen zu erkennen und in der Restzeit anzugehen.
Regeln: Sind wichtig. Und müssen strikt eingehalten werden. Es sei denn, es gibt Ausnahmen. Und die gibt es für fast alles.
Schweineeimer: Gehört zum Aufräumen nach den Mahlzeiten. Pro Tisch werden zwei kleine Eimer gefüllt, einer mit Essensresten und einer mit “echtem Müll”. Die Essensreste kommen in den “Schweineeimer” und dienen zur Erzeugung des Schinkens für die kommenden Patientengenerationen.
Selbstwertgefühl: Bei Ankunft unbekannt, baut sich im Laufe des Klinikaufenthaltes langsam auf. Das zentrale Thema für fast alle Patienten. Und damit auch Hauptthema fast aller Therapieformen im Haus. Sehr sinnvoll!
Setting: Therapeutenslang für “Umgebung/Umstände”. Typischer Gebrauch: “In diesem Setting lassen wir den anderen ausreden.”
Schwimmen: Rumhopsen im Wasser. Davor und danach bleibt genug Zeit für die Whirlpoolnutzung.
Sperrling: Kontaktlose Neupatienten. Die ersten 14 Tage der Reha-Maßnahme ist die Benutzung von Telefon oder Internet sowie der Empfang oder das Versenden von Post und Paketen nicht gestattet. Auch ein Ausgang ist nur während der geführten “Therapiespaziergänge” möglich. Konzentration auf sich selbst also.
Symptomatik: Idealer Gesprächseinstieg bei Neupatienten: “Und? Wie ist Deine Symptomatik?”.
Therapieerfolg: Gelegentlich ironisch gemeinte Bemerkung, die auf fast jede Erzählung von Mitpatienten folgen kann. Bsp.: “Ich hab der xy eben gesagt, daß mich yz nervt!” “Therapieerfolg!”
Therapiespaziergänge: Finden täglich ein- bis dreimal statt und werden von erfahrenen Mitpatienten geführt. Es gibt drei verschiedene Varianten, deren Namen an früheren Zigarettensortenbezeichnungen angelehnt sind. “Ultra” bezeichnet die Mini-Variante, 15 Minuten mit Pausen und in langsamen Tempo. “Light” ist die normale Variante, 30 Minuten zügig unterwegs. Die “Long”-Variante dauert eine Stunde und ähnelt tempomäßig eher moderatem Jogging.
Tschakka: Motivationsruf für alle Situationen, zumindest in Gruppe 8.
Tuning-Set: Gibt es in zwei Varianten. Bei Mahlzeiten werden damit üblicherweise Salz- und Pfefferstreuer gemeint. Zu den “Caros” bezeichnet man damit den Zuckerspender.
Twillight Zone: siehe “KlaK-World”
Disclaimer: Auch wenn sich manche Einträge im “Wörterbuch” ironisch, zynisch oder kritisierend lesen, so gibt es doch für fast alles gute Erklärungen. In dieser Klinik finden sich Patientinnen und Patienten mit den unterschiedlichsten Essstörungen. Von 30-300 Kilo, Magersüchtig bis Binge-Eating. Wenn man bis auf wenige Ausnahmen alle gleich behandeln will, muß man einen gemeinsamen Nenner finden. So erklärt sich z.B. der fast vollständige Verzicht auf “echten Kaffee”, für mich als adipösen Kaffee-Junkie ist das der Horror, für Magersüchtige ist Koffein ein Mittel, um Hungergefühle abzutöten und eben damit kontraproduktiv.
Andere Dinge sind historisch gewachsen. Das der “Caro-Raum” nicht mehr für die “Caros” genutzt wird, liegt einfach daran, daß er zu klein geworden ist mit wachsenden Patientenzahlen.
Und natürlich ist die von mir eher ungeliebte “Gestaltungstherapie” für viele Menschen sehr hilfreich. Mein Privatproblem, daß ich damit nichts anfangen kann.
Ähnlich sind auch meine Bemerkungen zu den Sportangeboten zu verstehen. Für viele adipöse Menschen beginnt hier erst die Heranführung an sportliche Aktivitäten. Ich bin da unterfordert, aber auch das ist bei fast 100 Patienten in einer Klinik einfach nicht anders zu lösen.
Das die Klinik mitsamt allen Mitarbeitern einen hervorragenden Job erledigt, konnte ich am eigenen Leib erfahren und auch an den meisten Mitpatienten sehen. Einen deutlich objektiveren Bericht werde ich noch nachreichen. Allein schon, um Menschen mit Essstörungen dazu zu motivieren, sich selbst eine Chance zu geben. Die Erfolgsaussichten könnten kaum besser sein als hier in der www.klinik-am-korso.de.
22. März 2010 um 17:29 Nobody(Quote)
Nett. Nur zwei Dinge fallen mir auf: KlaK-World: siehe “Twillight Zone” und Twillight Zone: siehe “KlaK-World”.
Was ist den das jetzt?
22. März 2010 um 17:30 Torsten Bentrup(Quote)
Das ist: Absicht!
22. März 2010 um 17:38 TaxiIngo(Quote)
Running Gag
Wann darfst du denn wieder Arbeiten?
22. März 2010 um 17:39 TaxiIngo(Quote)
Ach so Geschichten vom Korso würden mich auch noch interesien
22. März 2010 um 18:04 Alex(Quote)
Das mit dem Schweineeimer und dem Schinken versteh ich nicht. Bitte um Aufklärung
Habe es während des Tippens kapiert, danke
22. März 2010 um 18:10 Therapoit(Quote)
Setting (und Set) kenne ich aus einem anderen Zusammenhang. Nur ist dabei die außerordentliche Gemütszustand zeitlich befristet.
22. März 2010 um 18:21 AnjinSan(Quote)
so so oder so ähnlich war meine reha im westerwald. nur mit mehr sport ( kraft, ausdauer ,muskelaufbau rücken) immer lecker essen. und b a s t e l n….omg!
22. März 2010 um 18:21 jdk(Quote)
Auch wenn der Name “Schweineimer” impliziert, dass die Essensreste zur Fütterung von Schweinen verwendet wird, ist dem nicht so. Vielleicht war das mal so. Nutztiere mit Essensresten zu füttern ist jedoch nicht zulässig.
22. März 2010 um 18:52 pastorentochter(Quote)
Scheint eher ein moderner Knast gewesen zu sein.
22. März 2010 um 18:57 Terröhre(Quote)
Zum Glück stört sich daran keine Sau. Sau ist hier tierisch und menschlich gemeint.
22. März 2010 um 19:37 irgendjemand(Quote)
“Auch ein Ausgang ist nur während der geführten “Therapiespaziergänge” möglich.”
Das kenne ich bisher nur aus der geschlossenen Anstalt. Klingt unangenehm.
22. März 2010 um 22:46 Werner(Quote)
“Asst, asst, was ihr nicht asst, das kriegt der Schweinler,” sagte meine Mutter früher. Das ist schlesisch und man versteht es wohl ohne Übersetzung.
@jdk: Das wußte ich nicht. Aber Rinder mit tierischem Knochenmehl zu füttern, das scheint gesetzlich OK zu sein? Seltsam, aber das versteht wohl nur ein Landwirtschaftslobbyist. Dann doch lieber Schweine mit Essensresten füttern.
22. März 2010 um 23:09 Idgie(Quote)
Ich liebe den Fenchel-Anis-Kümmel Tee. Den trinke ich gerne und oft. Nen bißchen Zucker/Sßstoff drin, und das perfekte Teegetränk für zwischendurch.
22. März 2010 um 23:38 nico(Quote)
schön, dass du wieder da bist
kannst demnächst ja mal das foto im impressum updaten um uns auf dem laufenden zu halten
23. März 2010 um 07:54 Nirven(Quote)
“FAK-Tee: Stark abführendes Getränk, Abk. für Fenchel-Anis-Kümmel. Muß man nicht kennen, kann man nicht mögen.”
Ich trinke den auch freiwillig und gerne. Abführende Wirkung konnte ich bis jetzt nicht feststellen.
Gab es da ein Spezialgemisch das sich von der handelsüblichen Variante unterscheidet?
23. März 2010 um 11:30 Turtle(Quote)
Warum werden die Patienten mit koffeinfreiem Kaffee und Caro gequält? Das ist doch fies.
23. März 2010 um 12:00 A.(Quote)
Ja, warum gabs keine richtigen Kaffee? Gabs dann auch keinen schwarzen Tee und keine Cola?
23. März 2010 um 15:56 geru(Quote)
Fenchel-Anis-Kümmel-Tee trinkt meine Frau wenn sie unter Koliken leidet aber Abführend wirkt er eigentlich nicht .Obiges klingt ja fast wie BOOT CAMP
23. März 2010 um 17:22 Torsten Bentrup(Quote)
Den FAK-Tee hab ich mal korrigiert. Die KKK ist über Wochen hinweg entstanden und irgendwie ist mir entgangen, daß meine anfänglichen Informationen schon längst überholt waren. Danke an die Hinweisgeber!
@Nico: Dafür werd ich ab Donnerstag mal ein Bild mit Taxi machen lassen. Kommt, ganz sicher!
@Turtle & A.: Keine Cola und auch keinen schwarzen Tee. Koffein ist bei Essstörungen für viele nicht sinnvoll.
26. März 2010 um 08:22 egal(Quote)
Also ich trink den FAK-Tee bei Halsschmerzen/Husten. Der hilft da wunderbar und beruhigt den Hals. Der Geschmack ist eigen, aber ich mag’s.
Alternativ auch AFK-Tee, wenn man ihn mal nicht am PC trinkt.
Ansonsten: toll, daß es dir so geholfen hat!
25. Januar 2012 um 18:23 Hanna(Quote)
So toll geschrieben. Da kommen wieder mal Erinnerungen hoch. Vielen Dank!