Kleine Klinik-Kwälerei
Als Ihr mich vor knapp zwei Monaten wegen meiner Galle ins Krankenhaus getrieben habt, war es irgendwie ganz anders als dieses Mal.
Damals bin ich am frühen Sonntagmorgen dort aufgeschlagen. Ein paar Minuten später hing ich am Schmerzmittel-Tropf, der diensthabende Arzt kam kurz danach leicht verschlafen an und ultraschallte gleich mal meinen Bauch. Als das erste Schmerzmittel nicht die erhoffte Linderung brachte, wurde der BTM-Schrank aufgeschlossen und alles wurde gut.
Es wurde (auch draußen) hell und ich wurde in den Computertomographen geschoben und noch vormittags erklärte mir der Chefarzt der internistischen Station, daß ich gleich tief und fest schlafen werde, während er mir per ERCP ein fieses Steinchen aus dem Gallengang rausholt.
Mittags bin ich dann aufgewacht und war beschwerdefrei.
Zusammengefasst: Trotz bestem Golfwetter und Sonntag wurde ich privatpatientenmäßig und zudem noch erfolgreich und schnell behandelt. Einfach genial. Hätte ich nicht dämlicherweise so lange mit meiner Selbsteinweisung gewartet, hätte man wahrscheinlich auch direkt die Gallenblase mit rausgerissen.
Zumindest in diesem Punkt war ich ja dieses Mal schlauer. Da bin ich gleich am Freitag Abend kurz nach Beginn der Schmerzphase hingegangen.
Und es war eigentlich alles anders…
Die Begrüßung war schon deutlich trockener:
“Setzen Sie sich erstmal dort hin. Wir rufen Sie dann rein.”
Okay, macht man nix. Diesmal waren noch zwei andere Patienten vor mir dran. Schmerzmittel hätte ich trotzdem gerne angeboten bekommen.
Es ging dann allerdings doch recht schnell. Erstmal komplett alle Daten aufnehmen. Ja, trotz Hinweis auf meinen kürzlichen Besuch mit sehr ähnlicher Thematik durfte ich nochmal alle Fragen zu Vorerkrankungen (auch in der Familie) und so herunterbeten.
Dann wurde geschallt. Und eine halbe Stunde später nochmal. Der diensthöhere Arzt traute seiner Kollegin wohl nicht zu, mit solch hochtechnischen Geräten umzugehen.
Das sollte dann für die nächsten Tage die einzige Diagnostik sein. Vier volle Tage hab ich dann auf der internistischen Station verbracht. Jeden Tag bekam ich ein paar Liter “eingetropft”: Schmerzmittel und Flüssignahrung. Ich durfte weder essen noch trinken, nichtmal Mineralwasser war erlaubt.
Am vierten Tag bekam ich dann Besuch von einer Chirurgin:
“Hmm, wird Ihnen jetzt nicht gefallen. Aber wir haben inzwischen die OP-Termine bis in den November hinein vergeben…”
Jupp, hatte sie durchaus recht. Gefiel mir gar nicht. Nach meiner ausführlichen Erklärung von wegen anstehender Kur und ganz doll fieser Schmerzen meinte sie dann:
“Ich verspreche jetzt mal nichts. Aber übermorgen ist noch recht übersichtlich. Mit viel Glück kann ich sie dazwischen schieben.”
Das gefiel mir deutlich besser!
Am nächsten Morgen hatte ich noch keinen OP-Termin. Aber immerhin die Aussage einer Schwester:
“Ich weiß da auch nichts, aber die Frau Doktor hat gestern noch sehr viel rumtelefoniert.”
Dann kam die erste Chefarzt-Visite:
“Ja, Sie können dann ja heute nach Hause. Schmerzmittel können Sie ja auch da nehmen, bis sie einen OP-Termin bekommen.”
Häh. Ah, richtig. Ist mir ja auch schon aufgefallen. Drei belegte Betten auf dem Gang, da hat er recht mit seiner “Diagnose”.
Ich hab ihm dann kurz vom Chirurgengespräch erzählt.
“Das können Sie komplett vergessen. Da haben soviele Ärzte Urlaub und jetzt sind auch noch welche krank geworden. Das wird auf keinen Fall diese Woche noch was!”
Zwei Stunden später kam dann eine Schwester ins Zimmer:
“Packen Sie doch ruhig schonmal ihre Sachen!”
Damn! Aber sie war noch nicht fertig:
“Wir bringen Sie gleich in die Chirurgie, morgen vormittag werden sie operiert!”
Na also, geht doch. Die nette Chirurgin hab ich leider nicht mehr wiedergesehen. Deshalb hier ein herzliches “Dankeschön!”. Das war wirklich hervorragend!
Ab da ging alles ganz schnell. Ein Arzt nach dem anderen kam ins Zimmer, erklärte alles zu Risiken und Nebenwirkungen, Narkose und Operationsmethode.
Bis auf den leicht anstrengenden Bettnachbarn gab es danach nur noch einen kurzen Schockmoment. Als man mich in den OP-Vorraum schob, hab ich fast die Krise bekommen. Da standen in einer Reihe ein gutes Dutzend Betten mit Patienten, die ebenfalls auf ihren Eingriff warteten.
Aber ich war wohl nicht zu spät, sondern die anderen alle zu früh (oder einfach auf andere OP-Räume gebucht). 15 Minuten später lag ich dann auf dem OP-Tisch und wurde eingeschläfert.
Tja, minimal-invasiv wäre wunderbar gewesen. Hat man natürlich auch versucht, aber die Gallenblase war schon so geschädigt, daß man doch noch einen großen Querschnitt machen mußte. Ob es wohl an der langen Liegezeit bei den Internisten gelegen hat? Keine Ahnung und auch die Ärzte wollten damit nicht so recht rausrücken…
Egal, meine Bikinifigur ist eh schon durch zwei fette Narben (Blinddarm und Magen) verunstaltet. Da kommt es auf die dritte Narbe auch nicht mehr an.
In “intimen” Situationen kann ich dann ja immer noch erklären, daß sie von meinem “schrecklichen Motorradunfall” kommen. Oder aus meiner “Zeit bei der Fremdenlegion”. Vielleicht berichte ich auch einfach davon, daß ich damals darin “Drogen für das CIA geschmuggelt” habe. Hey, Frauen stehen doch auf harte Männer mit verwegener Vergangenheit, oder?
Und bevor ich es noch vergesse: Die Krankenschwestern waren allesamt grandios. Und das unter wirklich schweren Bedingungen, zumindest die Nachtschichten waren chronisch überlastet und unterbesetzt.
Teilweise dauerte es bis zu einer halben Stunde, bis man ein Klingelsignal “bearbeiten” konnte, weil einfach noch soviele andere Patienten schon vorher ihre Probleme angeklingelt hatten.
Ich will mir gar nicht vorstellen, wie oft da echte Notfälle viel zu spät bemerkt werden, weil man nur eine einzige Schwester für eine ganze Abteilung mit Fünfzig und mehr Patienten einsetzt.
An der Stelle wird gerne gespart, das Gesundheitswesen ist ja viel zu teuer. Das Geld steckt man dann halt lieber der korrupten, gierigen Pharmaindustrie in den Rachen. Ekelhaft. Aber daran sieht man dann wieder, wie gut sich Lobbyarbeit bei unserer ebenso korrupten und zusätzlich noch unfähigen Politiker-Mischpoke auszahlt.
PS: Sorry für die mißlungene Alliteration in der Überschrift. Mir fiel einfach nichts besseres mit K ein!
28. Oktober 2009 um 04:01 funkstörung(Quote)
Männer tragen ihre Narben doch wie Orden, oder?
28. Oktober 2009 um 04:06 Torsten Bentrup(Quote)
Richtig! Je mehr, desto besser!
Und in meinem Fall kann ich damit prima erklären, warum ich mich nie auf ein Motorrad setzen werde und Militär und Drogen ablehne. Win-Win!
28. Oktober 2009 um 07:09 AQUA-MAN(Quote)
Hm, tja dann bin ich wohl kein Mann, habe keine einzige sichtbare Narbe, nur eine am Kopf, aber die ist so gut verheilt das ich mir schon die Haare abrasieren müßte damit man sie sieht.
Was die Überschrift angeht, wie wäre es mit “Kleiner Klinik Kummer”?
28. Oktober 2009 um 10:07 F_A(Quote)
Ne, Frauen stehen nicht auf verwegene Vergangenheit. In ‘intimen’ Situationen könnten solche Schauermärchen eventuell sogar Angst machen
Narben und Falten machen Männer (und auch Frauen) erst attraktiv. Beide muß man sich erst verdienen.
28. Oktober 2009 um 10:16 Wolfgang Küting(Quote)
Nur rein spekulativ: Hört sich nach einer Entzündung der Gallenblase an, in die man nicht rein operiert. Deshalb eventuell die 4 Tage Infusion auf der Inneren.
Was aber nicht entschuldigt, wenn es das war, das man Dich nicht informiert.
Wenn Du schon häufiger Koliken hattest – und da hört sich das ganze nach an – ist es kein Wunder das die Gallenblase vorm zerbröseln stand. Geht die dann auf endoskopischen Wege kaputt, dann ist Holland in Not – höchste Infektionsgefahr für den Bauchraum.
Deine netten Worte über die KollegInnen aus der Pflege freuen mich.
Leider ist das Gesundheitswesen ein komplexes Gebilde das unsere Politiker noch nicht ansatzweise durchschaut haben…
28. Oktober 2009 um 12:44 El-tra(Quote)
Ich bin aber doch froh, dass man Dich nicht wrklich “eingeschläfert” hat… ;- )
28. Oktober 2009 um 14:19 Kommentator(Quote)
Sehr typische Geschichte aus den eigenen Innereien und denen unseres Gesundheitssystems
Das mit der Unterbesetzung ist wirklich irgendwann lebensgefährlich – könnte und sollte man nicht irgendwann Strafanzeige stellen gegen den Klinikbetreiber wegen Pflichtverletzung?
Und: Der Text ist gut geschrieben, Torsten, wie viele Deiner Bloggings, ich les Dich immer gerne.
28. Oktober 2009 um 17:57 Idgie(Quote)
Das mit dem erneuten runterbeten der Krankheitsgeschichte hat vermutlich damit zu tun, dass die Unterlagen vom letzten Aufenthalt im Archiv waren. Man rechnete ja nicht mit deiner Ankunft und konnte die alten Unterlagen herbestellen.
28. Oktober 2009 um 19:31 Philippe(Quote)
ich war ja in einem kleinen spital und da dauerte es teilweise auch einen moment bis mal jemand kam, in der nacht auch 2 schwestern für max 16 patienten… und ich dachte schon das sei wenig…. wie man sich täuschen kann…
28. Oktober 2009 um 21:58 Kommentator(Quote)
Was war denn am Magen los?
29. Oktober 2009 um 00:12 Wolfgang Küting(Quote)
o_O Warum war ich letzte Woche im Nachtdienst mit meinen ca. 28 Patienten nur immer allein?
Du sprichst von Spital? War das in der Schweiz?
29. Oktober 2009 um 03:13 Torsten Bentrup(Quote)
@AQUA-MAN: Nee, Kummer ist eindeutig zuwenig!
Aber ich brauche noch ein positv besetztes “K”. Ideen anybody?
@Wolfgang Küting: Deine Erklärungen hören sich sehr vernünftig an, wahrscheinlich (wenn ich die Infohäppchen vom Klinikpersonal damit vergleiche) hast Du recht.
@El-tra: Danke!
@Kommentator: “Gastro-Plastik nach Mason”, ein erster verzweifelter Abnehmversuch vor vielen Jahren, den ich nach kurzer Erfolgszeit fast ein Jahrzehnt “überlistet” habe.
29. Oktober 2009 um 09:42 Alf(Quote)
So macht man in einem Krankenhausaufenthalt auch wertvolle Lebenserfahrungen
Und ja du hast recht, nur durch Narben ist man ein echter Mann!
so schlecht sehen die ja auch garnicht aus, wenn sie gut verheilt sind und nicht übertrieben *lach*
29. Oktober 2009 um 14:06 Ulli F. aus L.(Quote)
Kopulation!
29. Oktober 2009 um 14:09 Torsten Bentrup(Quote)
Hmm, schöne Idee. Aber leider das absolute Gegenteil von dem, über das ich noch schreiben wollte. Blöd!
7. November 2009 um 19:39 packer(Quote)
Hmm, wie war das? “Solange der Patient noch klingeln kann ist es kein Notfall”