Eigentlich hatte ich vor, die nächste Zeit bevorzugt positive Einträge zu schreiben. Die Dinge, die mich die letzten exakt 19 Jahre im Job gehalten haben. Ja, richtig gelesen. Mein Taxischein hat heute seinen 19ten Geburtstag. Unglaublich, fast mein halbes Leben…
Hätte ich gerne gemacht. Aber die letzte Woche war einfach nur… Mir fehlen echt langsam die Worte.
Am Dienstag stieg ein Typ am Westerntor ein. Machte direkt einen recht aggressiven Eindruck, der aber auf irgendwelche Vorfälle zuvor zurückzugehen schien. Es sollte zum Geldautomat und nach Borchen gehen. Geld ziehen klappte auch noch einigermaßen. Aber seine Aggressivität wurde von Sekunde zu Sekunde schlimmer. Schon auf der Ausfallstraße in Richtung des von mir nicht sonderlich geschätzten Bergdorfes wurde er persönlicher. Beschimpfte und beleidigte mich, drohte Schläge an.
Über Funk bat ich die Kollegen, mir in 5 Minuten die Polizei zur genannten Zieladresse zu schicken, falls ich mich nicht zurückmelde. Für einen kurzen Moment wurde er ruhiger, gab mir einen Geldschein:
“Damit Du keine Angst mehr hast!”
Am Ziel wurde ich noch wüster beleidigt, er wolle mich totprügeln… Einen Schlag versuchte er, ich konnte ihn mit dem Arm abwehren. Dann wurde ich noch angespuckt und er verließ irgendwann das Taxi. Versuchte dabei aber, den hinterm Lenkrad deponierten Schein an sich zu reißen. Kurz zur Vergegenwärtigung: Ich habe die ganze Fahrt über extrem ruhig und deeskalierend mit ihm geredet. Sowas kommt in unserem Job schonmal vor, bisher ging es eigentlich immer gut. Die meisten aggressiven Kunden steigen irgendwann glücklich zuhause aus und schmeißen allerhöchstens mit Trinkgeld um sich…
Alles in allem dürfte das bei einem humorlosen Richter trotz massivem Drogen- oder Alkoholkonsum für eine empfindliche Strafe ausreichen. Egal, ich war einfach nur froh, daß ich mit blauem Flecken am Arm rausgekommen bin. Anzeige hab ich nicht erstattet. Er muß in Borchen leben. Das reicht eigentlich.
Die nächste Schicht brachte mir einen Anrufer aus der Stadtheide ins Auto:
“Machste 5 Euro zur Zentralstation?”
Nö, hab ich nicht gemacht. Und sein ständiges Nachbohren, warum ich denn nicht endlich den Taxameter abstelle hab ich ruhig und gebetsmühlenartig beantwortet. Weil ich garantiert bei so einer kurzen Fahrt keine 30% Rabatt gebe. Selbst dann nicht, wenn es nicht illegal wäre.
Kurz vorm Ziel ließ er mich an den Straßenrand fahren, riß die Tür auf, schmiß 5 Euro ins Taxi und wollte wegrennen. Ich rolle mit offenen Fenstern neben ihm her, alarmiere per Funk die Kollegen, das Stichwort “Polizei” fällt.
Er kommt zum Fenster, zahlt den Restbetrag unter Flüchen und niveaulosesten Beleidigungen. Und haut mir im weggehen auf den anderen Arm…
Danach kam ein momentan aussergewöhnlich langes Wochenende.
Zwei Tage! Am Stück!
Der Donnerstag war katastrophenfrei, alles prima.
Freitag fing auch super an, ein paar alte Freunde wieder getroffen.
In den frühen Morgenstunden laufe ich aus dem Ükern den runden Kilometer nach Hause. Über den Maspernplatz und dann auf dem Fußgängerweg neben dem Paderwall entlang (hier mal die Route für die Neugierigen).
Auf Höhe der Paderstraße werde ich aus ein paar Metern Entfernung von hinten angequatscht. Ein junger Bursche, Anfang bis Mitte Zwanzig, schlank und rund 185cm groß ruft hinter mir her. Nur im hellen T-Shirt, wallendes, schulterlanges Haar. Ich solle doch mal stehen bleiben. Mein unangenehmes Gefühl, grade an der einzigen Stelle angesprochen zu werden, die von der Straße uneinsehbar ist, trieb mich zur Eile. Hätte ich gewusst, wie es weitergeht, wäre ich gerannt. So hab ich nur die Schrittzahl erhöht und versucht ins Sichtfeld der Autofahrer zu kommen, ohne auffällig dabei zu sein.
Nach ein paar Sekunden hatte er mich eingeholt und begann Smalltalk. Wo denn McDonalds wäre, wo ich denn hinwolle, wer ich denn sei…
Ich bin nicht weiter drauf eingegangen, bin einsilbig weitergelaufen.
Dann kam er mit seinem echten Anliegen raus. Riß mich am Ärmel meiner Jacke zurück…
“Ich bin ein harter Junge aus Hamburg. Gib mir 20 Euro oder ich hau Dir auf die Fresse.”
Bekommen hat er nichts. Ich dafür die Schnauze voll. Die Brille flog meterweit über den Bürgersteig. Als ich am Boden lag, ließ er von mir ab, griff sich eine leere Zigarettenschachtel, die mir aus der Tasche fiel und rannte weg. Die sofortige Fahndung der Polizei verlief wohl bisher erfolglos…
Gesamtschaden. Eine leicht verkratzte Brille (die ich dank der Beamten schnell wiederfand), eine zerrissene Jacke und ein paar Beulen an Schläfe und Backe. Kauen tut grad etwas weh, aber ansonsten bin ich unversehrt rausgekommen.
Und so langsam leidet auch mein Vertrauen in die Menschheit drunter. Genau das, was ich nie wollte. Ist einfach scheiße, wenn man bei jedem Einsteiger auf eventuell verdächtiges Verhalten achtet, regelrecht danach sucht. Und den Knopf des Taxialarms schon fast zwanghaft alle paar Minuten erfühlt…