Keine gute Tat bleibt ungesühnt!

Unser Taxistand am Bahnhof ist ja zweispurig. Üblicherweise hat der Kollege vorne rechts (in Fahrtrichtung gesehen, aus dem Bahnhof kommende Fahrgäste sehen es natürlich andersrum) am längsten gewartet und bekommt die nächste Fahrt. Deshalb sortieren sich im Laufe der Vorrückerei die Taxen der anderen Spur auch irgendwann nach rechts in die passende Position.

Ich stand links zwar als Erster, aber in Wirklichkeit gehörte ich auf Position vier. Die ersten beiden Fahrzeuge der rechten Reihe wurden besetzt und ich wartete darauf, daß der Dritte mal vorrückt und ich mich hinter ihm einfädeln kann. Ging leider nicht, der Fahrer war “unbekannt verzogen”.

Nun, dann wartet man ein bißchen, kann ja nur Pinkelpause oder das Gegenteil, Kaffee holen sein. Als dann aber die ersten potenziellen Fahrgäste zu sehen waren, wurde es mir zu bunt. Da hab ich halt die Lücke genutzt und den Kollegen “überholt”.

Exakt in dem Moment kam er mit seinem Kaffeebecher zurück, sah sich alles an und ging ohne Kommentar zu seinem Auto. Naja, fährt zwar für die falsche Firma, aber ist eigentlich ein Netter. Es gibt durchaus Fahrer, die sich bei sowas erst einmal aufplustern und laut werden.

Als dann die ersten Fahrgäste ankamen, hab ich ihn freundlich gefragt:

“Willst Du fahren, Du warst ja vor mir da!”

Er hat dankend angenommen, die Fahrgäste waren leicht verwundert aber mit der Erklärung zufrieden:

“Hier war eben ein wenig Chaos, der Kollege hinter mir wartet schon länger und würde sich freuen, wenn Sie bei ihm einsteigen würden.”

Kaum war das Taxi weg, nimmt mich ein Kollege zur Seite und meint verschwörerisch:

“Hast Du gut gemacht, ich hab gehört, wo es hingeht. Nur zwei Straßen weiter! Du bekommst gleich bestimmt eine weite Tour!”

Nun, ich kenn ja mein Glück am Bahnhof. Es hat schon einen Grund, warum ich dort eher selten stehe.

“Warten wir mal ab. Wahrscheinlich steh ich jetzt noch eine Stunde auf erster Position und fahr dann zur Rathenaustraße für vier Euro…”

Nun, ich hab mich geirrt. Es wurde die Neuhäuser Straße am Ende der Rathenau… Rund einen Euro weniger als die Kurzfahrt des Kollegen. Aber immerhin hab ich nur fünf Minuten drauf warten müssen und das Trinkgeld war prozentual riesig, in Zahlen immerhin fast zwei Euro.

Es war Wochenende, kaum Briten in der Stadt. Trotz der kurzen Fahrt hab ich mich wenig später wieder angestellt. Unser Bahnhof läuft nicht wirklich gut, aber zu dem Zeitpunkt hab ich keine bessere Alternative gehabt.

Und dann kam sie, meine Belohnung. Ich stehe auf zehnter oder elfter Position, ein Gruppe von drei StudentInnen läuft an allen vor mir stehenden Taxen vorbei und klopft an mein Fenster:

“Können wir auch mit Ihnen fahren?”

“Wenn Ihr das möchtet, sicherlich und gerne! Der Kollege vorne rechts wartet allerdings schon länger als ich.”

“Wir wollen aber lieber mit Ihnen fahren! Sie nehmen doch auch das hier an, oder?”

Und hielten mir einen Taxigutschein der Deutschen Bahn hin.

Das ist der Moment, in dem die meisten Fahrer eine leichte Erregung verspüren. Taxigutscheine der Bahn bedeuten üblicherweise weite Fahrten. Ich habe schon viele davon angenommen, erst einer war für eine Stadtfahrt ausgestellt. Dieses mal sollte es rund 40 Kilometer weit gehen.

Bingo! Solch eine Fahrt wünscht sich um die Uhrzeit, Wochenendschicht und vor Mitternacht, jeder Kollege.

Ich war dann ja neugierig. Die allermeisten Menschen halten sich an die “Regel” und nehmen das erste Taxi in der Reihe, ob ich da wohl Blogleser im Taxi habe?

“Sorry daß ich frage. Aber warum habt Ihr ausgerechnet mit mir fahren wollen?”

“Sie sahen so sympathisch aus…”

Hach, was für eine tolle Antwort! So ein richtiger Seelenstreichler für jemanden, der bis vor knapp zwei Jahren noch die denkbar schlechteste Meinung von sich selbst hatte. Zumindest in Sachen “Optik”. Aber auf den ersten Blick als “sympathisch” eingeschätzt zu werden ist für mich auch heute noch kaum zu glauben…

Am Ende der Fahrt stellte sich dann heraus, daß ich nicht der einzige Taxifahrer aus Paderborn war, der diese Tour von der Bahn gesponsert bekommen hat. Während ich noch meine Buchhaltung erledigte, kam der Kollege mit gleicher Tour zu mir, klopfte ans Fenster und fragte:

“Darf ich hinter Dir herfahren, Du hast doch Navi.”

Kurz hab ich drüber nachgedacht, ob ich ihm das nicht verbieten sollte. Immerhin fährt er für Paderborns übelstes Taxiunternehmen…

Allerdings ist er einer von den drei Fahrern (unter rund 20 dieser Firma) der noch nicht negativ aufgefallen sein. Kann Zufall sein. Letztendlich glaube ich aber bis zum Beweis des Gegenteils immer noch gerne an das Gute im Menschen.

Ich war dann also doch gnädig, bin halt doch ein guter Mensch! Sein Chef hätte ihn bestimmt verprügelt, wenn er nicht rechtzeitig wieder in Paderborn gewesen wäre!

Klingt lustig, ist aber ausnahmsweise nur halblustig gemeint… Besagter Chef wird nämlich demnächst vor Gericht stehen, weil er seine Aggressionen nicht im Griff hat. Mehr dazu, wenn das Urteil gesprochen ist!

17 Antworten zu “Keine gute Tat bleibt ungesühnt!”

  1. Ingmar sagt:

    Damit war der Pizzabäcker gemeint, oder? :)

  2. Andi sagt:

    Jaja, manchmal glaubt man doch an eine gerechte Vorsehung.
    Z.B. wenn man an den persönlichen Lieblingsstand kommt. Der wird rückwärts angefahren. Bereits eingeloggt (Digital/GPS-Vermittlung) war ich schon am zurücksetzen, während von der anderen Seite eine der lieben Kolleginnen kommt und sich direkt hinter den ersten setzt, anstatt mich zu Ende aufziehen zu lassen, wie man es von einem netten Kollegen erwarten würde. Mit den Worten, ich müsse mich nochmal hinter ihr einloggen. Gut, hätte ich dann nicht gemusst, aber war ein chilliger Abend und ich hatte keine Lust darauf, mich zu ärgern. War mir zu dem Zeitpunkt echt egal. Der andere Kollege, der 1. war und ich haben uns dann auch eher über die Tourengeilheit so einiger Kollegen gewundert und sie belächelt. Nach dem Motto, man weiß doch eh nicht was kommt. Und siehe da. Sie bekommt irgendeine Rotztour um die Ecke und ich durfte dann nach Ort 90 € fahren. Strike.

  3. Torsten Bentrup sagt:

    @Ingmar: Von wem auch immer ich da rede: Lieber er wird verklagt als ich. Und auch in Bezug auf die erwähnte Aggression gilt: Lieber jemand anders wird zusammengeprügelt als ich. Verstehste?

  4. Holger sagt:

    Komischerweise freuen sich aber nicht alle Taxifahrwer über Bahn-Gutscheine. Musste neulich um halb 4 morgens (nach 3 Stunden verpätung der Bahn…) erst 10 Minuten diskutieren, bevor der Typ den Gutschein für die 40 Euro Fahrt akzeptieren wollte. Es wär ihm zu viel Aufwand, den einzulösen.

    Leute gibts…

  5. ednong sagt:

    Is ja übel, mit den Aggressionen. Und es gibt ja scheinbar auch nette Taxifahrer – abgesehen von dir, natürlich ;)

  6. jemand sagt:

    Wobei es dann mit Trinkgeld sicher mau aussah.

  7. Tichondrius sagt:

    ednong: Nett formuliert :D

  8. Flo sagt:

    Ich muss sagen ich habe bis auf einen Taxifahrer in PB bisher immer nur gute Erfahrungen gemacht. Ich fahre aber auch meistens Taxi wenn ich “Müde von der Feier” komme. Die haben nur einen Kollegen der glaube ich zu Hause nicht viel zu Wort kommt und einem selbst beim aussteigen noch solange voll redet das man es schon unhöflich empfindet sich dann irgendwann zu verabschieden, weil man ihn ja in seinen Redefluss unterbrechen muss.

    Aber im Prinzip gibts nur ein Unternehmen mit dem ich nicht fahre – was aber mehr daran liegt das die mir drei mal sagten “Bin in spätestens 10 Minuten da.” und ich jedes mal knapp ne halbe Stunde gewartet habe – was an sich kein Problem ist, muss man nur ehrlich vorher sagen.

  9. Donalbain sagt:

    “[...] fährt zwar für die falsche Firma [...]

    Hat mich jetzt spontan ein wenig an das Intro von “Nummer 6″ erinnert:

    - “Auf wessen Seite sind Sie?”

    - “Wir sind auf der richtigen Seite.”

  10. an-di sagt:

    “Die allermeisten Menschen halten sich an die “Regel” und nehmen das erste Taxi in der Reihe, [...]”

    Sofern das erste Taxi der Reihe eine dicke Karre ist, dann ja. Ansonsten wird die erste dicke Karre der Reihe gewählt. Was soll ich mich da in eine Plörre von Kia oder gar VW setzen, wenn ich für das selbe Geld auch einen Mercedes o.ä. erhalte?

  11. Mad55 sagt:

    @ Thorsten

    Das mit der sympathischen Ausstrahlung kann ich nur bestätigen. Wobei das Schelmische in deinem Gesicht inzwischen noch besser rüber kommt. Vor allem, wenn du dich als “jüngerer Bruder” vorstellst, was bei meinen gefühlten 40 Promille erstmal für Irritation sorgte.

    Was den prügelnden Chef angeht, ist der eher astronomisch oder farbig orientiert? ;)

  12. Maik aus Wilhelmshaven sagt:

    Das kenne ich umgekehrt…
    Kollege drängelt sich auf Platz eins an mir vorbei, und bekommt dann zur Strafe eine 3,50 Tour …alte Dame, mit vielen Einkäufen…
    Als er dann schon auf dem Weg zurück zum Bahnhof war, für ich mit einem Marinesoldaten an ihm vorbei…
    Sind bei uns eh schon von den “innerorts” Touren die besten, aber der wußte nicht, wo sein Schiff liegt, so daß wir noch suchen durften…
    Hab mich dann freundlich bei ihm für die gute Tour bedankt :-)

    Ansonsten ist es bei uns eigentlich auch so, daß man fair zueinander ist. Und eben auch zum Beispiel die Kunden drauf hinweist, das eigentlich der Kollege vorne schließlich am längsten wartet. Was der Kunde dann draus macht, ist natürlch seine Sache.

  13. Wolfram sagt:

    @Mad55: Ich glaube, das ist eher astronomisch oder wars astrologisch? Ja, der Blick in die Sterne ist eine echte Wissenschaft… aus den Tierkreiszeichen das Richtige zu deuten, ist gar nicht so leicht :)

  14. Stephan535 sagt:

    Ich habe jetzt nur eines nicht verstanden: Wie kann man denn jemandem “erlauben” hinterherzufahren? Oder richtiger: Wie kann man das denn verbieten?

  15. Torsten Bentrup sagt:

    @Holger: Für einen kleinen, selbstfahrenden Unternehmer ist es wirklich ein bißchen Aufwand. Rechnungen schreibt man eigentlich nur an Großkunden und die hat ein solcher eher nicht. Keine Erfahrung damit, keine Lust sich einzuarbeiten. Nun, wer nicht will überlässt die guten Fahrten halt den anderen!

    @Mad55: Ich enttäusche Dich eher ungern, aber vermutlich bist Du da auf einen meiner “Doppelgänger” reingefallen. Wenn da ein Riesenlaptop mitgefahren ist, war es wohl Adam und nicht ich…

    @Stephan535: Du hast es nicht falsch verstanden. Ich fands auch extrem niedlich, daß er sich tatsächlich die Erlaubnis von mir holen wollte…

  16. Debe sagt:

    @Torsten: Wenn Dir jemand offensichtlich hinterherfährt, den Du nicht leiden kannst, ist vielleicht auch ein Umweg in die falsche Richtung mit anschließendem Abhängen drin…
    Ich finde es nett, dass der Fahrer gefragt hat, ausserdem hätte es ja sein können, dass Du gar nicht Richtung zu Hause fährst.

  17. Anapäst sagt:

    Alternativ wars nur ne Vorsichtsmaßnahme dich nich wegen einer roten Ampel zu verlieren ;)

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