Spasti!
Manche Dinge, so dachte ich bisher, gibt es nur im Fernsehen. Mitnichten!
HALT! Nicht wegklicken! Nur der erste Absatz ist der gleiche wie im letzten Eintrag. Aber verdammte Scheiße, er passt auch zu diesem Erlebnis perfekt.
Diesmal ist es allerdings kein Krimi. Mehr so Hollywood a lá ZDF-Romanverfilmung. Irgendwie.
Wer mich die letzten zwei Stunden der Schicht mit dem breitesten Grinsen ever gesehen hat, hier kommt die Erklärung!
Zwei Dörfer weiter gab es letzte Nacht eine größere Feierlichkeit, jede Menge Anrufe von dort bei unserer Zentrale. Und irgendwann gegen 4 Uhr war ich in der Nähe und sollte dorthin.
“Schau mal, wen Du findest. Ich hab Anrufe von $Name, $AndererName und noch ein paar ohne Namen.”
Bequeme Situation. Die schnellsten dürfen mitfahren.
Es war eine Dreiergruppe. Ein Pärchen und eine einzelne Dame. Sie wollten sich das Taxi teilen, mussten alle in die selbe Richtung. Die junge Dame sollte zuerst nach Hause, es lag ziemlich genau auf der Strecke des Pärchens, die noch ein Dorf weiter mußten.
Die Gesamtfahrt kostete am Ende 22,80 Euro. Bei ungefähr 11 Euro, wir waren noch auf einer Landstraße unterwegs, mault er das erste Mal von hinten.
“Sach mal, ist Deine Uhr kaputt?”
“Wieso?”
“Die zählt ja wie bescheuert. DA! Schon wieder 10 Cent!”
Ich hab nicht so recht rausbekommen, was ihn daran störte. Würde das Ding in Euro-Schritten hochtakten, hätte er sich wohl über den Wuchersprung beschwert. Und wenn wir Centweise hochzählen würden, hätte er zehnmal so oft einen Anfall bekommen. Ich finde die 10-Cent-Abstände ganz okay.
“DA! Schon wieder! Alle fünf Meter 10 Cent, Ihr spinnt doch!”
Hmm, Kopfrechnen. Fünf Meter für 10 Cent klingt gut. Jeder Kilometer würde dann 20 Euro kosten. Aber schon eine etwas unrealistische Schätzung. Tatsächlich kommt alle 62,5 Meter ein Groschen dazu.
In dem Moment schaltete sich die alleinreisende Dame ein:
“Ist doch gut, bis zu mir zahle ich ja.”
Und das tat sie dann auch beim Taxameterstand von 14,40, wollte aussteigen und findet den Haustürschlüssel nicht.
“Wartet Ihr bitte kurz? Für denn Fall, daß mein Mann nicht wachzubekommen ist?”
Taten wir und von hinten höre ich ein geblafftes:
“Ey, mach mal das Ding auf Pause!”
“Ist billiger, wenn ich das jetzt einfach laufenlasse. Sonst mußt Du gleich wieder 2,70 Euro Grundgebühr zahlen.”
Hat er geschluckt, war aber eine Notlüge. Manche Taxameter sind tatsächlich so programmiert. Aber unsere lassen sich netterweise auch von der Stop-Position (Kasse) wieder auf den Normaltarif zurückstellen.
Aber: Die Wartezeit ist nach Taxiordnung zu berechnen und genau das tat das Taxameter grade. Bei netten Fahrgästen kann man mal ein Auge zudrücken. Aber eben bei netten…
Es gab dann noch einen kurzen Halt am Bankautomat. Der Herr hatte nicht einmal die restlichen knapp über 7 Euro einstecken. Kann passieren. Theoretisch. Aber eher nicht bei einer Party mit kostenlosem Alkohol. Find ich jetzt mal.
Egal, er hat passend seine 7,80 Euro bezahlt, steigt aus und brüllt durch die offene Tür mit extrem aggressivem Tonfall (und ich zitiere den exakten Wortlaut)!
“Du hast Glück, daß ich kein Ausländer bin! Sonst hätte ich Dich jetzt verprügelt! Du Spasti!”
Haut die Tür zu, zeigt mir noch den Stinkefinger.
Nun, der junge Mann hat also offensichtlich ein Problem bei der Aggressionsbeherrschung. Ausserdem eine gewisse Feindseeligkeit gegenüber Behinderten und Ausländern. Nettes Kerlchen.
Geschichte aus. Dachte ich. Im stillen hab ich mich ein wenig geärgert. Okay, ich war stark deeskalierend, blieb immer freundlich und höflich. Ich bin einfach zu gutmütig. Andererseits hätte es wohl wirklich zu einem Angriff kommen können, wenn ich selbst auch auf seine Aggressivität eingestiegen wäre.
Geschichte aus? Nee, ich hab doch gesagt, es wäre wie im Film gewesen. Und wenn da der Bad Guy sich zum Vollhorst macht gibt es doch auch immer im letzten Drittel des Films die große Wendung!
Meine kam ein paar Minuten später über Funk:
“Wer von uns ist den eben von $OrtA nach $OrtB gefahren? Ist da ein Handy liegengeblieben?”
Ich war’s!
“Hier, der 7. Ich schau nach, wenn ich frei bin!”
Fünf Minuten später entdecke ich dann wirklich das iPhone. SEIN iPhone!
Wie ich dann nach Feierabend erfuhr gab es bei seinem Telefonat mit Cheffe folgenden Dialog:
“Haben Sie schonmal versucht, Ihre eigene Nummer anzurufen?”
“Ja, aber er geht NATÜRLICH nicht dran!”
Lüge.
Etliche Minuten nach dem Funkgespräch klingelte das Telefon dann tatächlich.
Und ich bin NATÜRLICH drangegangen. Okay, erst beim zweiten Versuch. Ich telefoniere ja nicht ohne Freisprechen und beim ersten Versuch war ich noch besetzt und konnte nicht mal eben rechts ranfahren.
Meine Stimmung war zu dem Zeitpunkt auf Maximalpegel…
“Guuuuuten Morgen, hier spricht der Spasti! Was gibts?”
Selten mit einem so höflichem Menschen telefoniert…
Sowas von freundlich. Wie froh er doch ist, daß das Telefon jetzt in guten Händen sei und wie er denn wohl wieder drankommen könnte? Es wäre ja auch nicht sein Handy, sondern das seiner Freundin…
Eine Aussage, die ich auch mal dezent bezweifle. Er war im BVB-Outfit unterwegs, seine Freundin in “Zivil”. Und wenn man echter Fan ist, geht man am Abend des Pokal-Triumpfes ja wohl wenigstens in Vereinsfarben auf die Straße, oder?
Wem gehört also wahrscheinlich das Telefon mit BVB-Logo und BVB-Lied als Klingelton? Hmm…
In solchen Fällen mache ich üblicherweise gerne noch einen unbezahlten Schlenker und bringe es eigenhändig zurück. Auch, weil ich weiß, wie einem das Smartphone fehlt, wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat. Nette Kunden geben für den Sonderservice sowieso gerne ein kleines Extratrinkgeld und sind glücklich.
Diesmal nicht…
Nun, meine erste Idee: Montag ins Fundbüro bringen. Soll er doch das Restwochenende ohne verbringen…
Aber ich bin einfach zu gutmütig. Er kann es sich heute an der Zentrale abholen.
Ich glaube halt immer noch an das Gute im Menschen. Und vielleicht hat er sich ja meine Ratschläge am Telefon zu Herzen genommen. Er widersprach jedenfalls nicht, als ich ihm zukünftig besseres Benehmen und ein Anti-Aggressions-Seminar empfahl.
Das konnte ich mir dann trotz aller Gutmütigkeit nicht verkneifen.
13. Mai 2012 um 09:54 Ingmar(Quote)
Wie geil ist das denn?! xD
“Hier spricht der Spasti” Torsten, du bist und bleibst eine geile Sau
Ich hätte ja eher einen bezahlten Schlenker mit ihm ausgehandelt, was allerdings ein wenig teurer wird, weil du gerade eine Fahrt nach Hamburg bekommen hast.
13. Mai 2012 um 10:11 Wolfy(Quote)
So ist es recht. o.O Bei manchen Menschen möchte man sich am liebsten Fremdschämen. Entweder wegen des Benehmens, wegen der Blödheit oder weil sie Fußball kucken xD
*duck und renn*
13. Mai 2012 um 10:51 Der Maskierte(Quote)
Steht nicht im Taxitarif, dass ein vergessenes iPhone zurückbringen zzgl. Beleidigungstarif 50 Euro kostet?
13. Mai 2012 um 13:03 Blitzer(Quote)
So geil
Ätzende Personen erkennt man daran, dass sie nur nett sind, wenn sie etwas brauchen.
13. Mai 2012 um 13:22 Jim(Quote)
Hättest du das iPhone eigentlich zum Fundamt bringen können und auf Finderlohn bestehen oder gilt das im Taxi nicht?
13. Mai 2012 um 14:44 Richard(Quote)
Sehr souveräne Reaktion
Bei solchen Menschen schämt man sich, der selben Spezies anzugehören…
13. Mai 2012 um 17:25 Torsten Bentrup(Quote)
Das mit dem Finderlohn muß ich mal tiefer recherchieren. Google zeigt sich da auf dem ersten Blick sehr unentschieden…
Aber jetzt muß ich erstmal wieder arbeiten. Und das Grinsen ist immer noch da!
13. Mai 2012 um 23:17 ednong(Quote)
Haha,
ist das geil. Ich hätte es wohl auch nur gegen Zuzahlung zurückgebracht, ansosnten ausgemacht und zur Polizei. Natürlich hat ein iPhone sicher auch eine “Tastensperre”, die man dann nicht lösen kann nach dem erneuten Einschalten.
Und er hätte es sich dann auf dem Fundamt gegen Finderlohn abholen können.
Aber ich geb dir recht: die Guten sind leider viel zu oft zu gutmütig.
14. Mai 2012 um 03:05 C.(Quote)
“Ob ich ein iPhone im Taxi gefunden habe? Nee, hier ist nix.” *langsam mit dem Taxi drüber fahr*
14. Mai 2012 um 09:31 Hans Olo(Quote)
Ich hätte es behalten. So ein Vollhorst
14. Mai 2012 um 18:04 Jens Bonn(Quote)
Ich hätte wohl gesagt dass es nicht im Taxi ist, dann ausgeschaltet und als braver Bürger es auf der nächsten Polizeidienststelle abgegeben.
Gefunden unter einem Auto in der Nähe des Aussteigeortes.
Damit hätte er einige Zeit darauf verzichten müssen und anschließend unter Umständen noch den Eigentumsnachweis erbringen müssen. Aber vor allem viel Lauferei.
Bei der Polizei noch großzügig auf den Finderlohn verzichten – damit wäre man dann auch aus der Unsicherheit bezugs des Finderlohns raus, und wenn der Typ dann meint irgendwelche Beschuldigungen in Richtung Taxifahrer ausstossen zu müssen, läuft er ins Leere, denn da es abgegeben wurde, interessiert die Polizei der Rest nicht (und jenachdem wie er dann da aufläuft, weiß die Polizei anschließend auch ganz genau was abgelaufen ist und grinst sich einen).
15. Mai 2012 um 02:39 Mapaed(Quote)
Mei,
die Esotheriker hier können sich gerne über den Begriff des “Karma” die Finger wund tippen …
Über die diversen Spielarten davon …
15. Mai 2012 um 15:02 elTojo(Quote)
Tzjaa.., was soll man von einem BVB’ler erwarten?
Nichts gegen die friedvollen Fans, aber manche aus der gelben Fraktion lassen sich leider zu wenig sinnigen Verhalten hinreißen…
15. Mai 2012 um 19:16 mark(Quote)
ich hätte es auch nicht zurückgegeben. manche leute lernen nur durch ein direktes feedback…
15. Mai 2012 um 21:31 Dingsda(Quote)
Mit dem Behalten wäre ich sehr vorsichtig, sowas nennt sich dann Fundsachenunterschlagung.
15. Mai 2012 um 23:45 mark(Quote)
und das andere ist beleidigung und nötigung. was ist besser? ich glaub mir wäre das handy beim nächsten handyzubehörladen-telefonshop-bunte-waren-anbieter aus dem auto gefallen…
15. Mai 2012 um 23:47 mark(Quote)
(alternativ vor der müllverbrennungsanlage)
16. Mai 2012 um 05:45 Wolfy(Quote)
Ich habe mal schnell Freund Google gefragt. Unterschlagung wird im Gesetz dabei genauso wie Diebstahl behandelt. Die Frage ist jetzt nur, ob ein iPhone zu “geringen Wert”-Sachen gehört oder nicht.
Je nachdem müsste der Eigentümer eine Strafanzeige stellen (was ich dem Freak zu traue) oder aber Staatsanwalt macht es von allein.
Torsten müsste dann eine entsprechende Strafe erbringen, wenn sicher ist, dass das Handy nur im Taxi sein könnte. Wie die aussieht ist dann vom Wert des Dings abhängig. Unabhängig davon wäre es dann noch ein Vertrauensbruch zum Arbeitgeber. Eventuell könnte es sogar zu einer fristlosen Kündigung führen (bin mir da nicht so ganz sicher).
Und egal wie arschig der Fahrgast wäre: ich würde das Risiko nicht eingehen.
Andersherum:
Wenn Taxifahrer jede Beleidigung zur Anzeige bringen würde, würden die Fahrer wahrscheinlich in ihrer Freizeit fast im Gerichtsgebäude campen oder zumindest einmal am Tag dahin rennen. Genauso wie viele andere Dienstleistungsbringer.
Torsten hat also genau richtig reagiert. Klar hätte er dem Kerl noch eines auf den Deckel geben können, in dem er von dem Kunden verlangt, dass Teil aus dem Fundbüro bzw dem Firmensitz ab zu hohlen. Aber so hat er wieder dezente Werbung für die Firma und sich gemacht: “Egal wie arschig sie sind, wir behandeln sie trotzdem wie einen wertgeschätzten Kunden.”. Und so was ist auch schon viel Wert.
16. Mai 2012 um 07:59 Torsten Bentrup(Quote)
Danke für die umfassende Recherche, Wolfy. Und ich schließe mich Deinem Fazit voll an.
Fundsachenunterschlagung geht gar nicht, egal wie der Verlierer drauf ist.
16. Mai 2012 um 08:04 Torsten Bentrup(Quote)
BTW: Finderlohn gibt es für Taxifahrer für im Taxi verlorene Gegenstände grundsätzlich nicht. Wenn der nächste Fahrgast was verlorenes findet, hat er es zwar beim Fahrer abzugeben, aber ihm steht der Finderlohn zu. Wenn der Fahrer was findet, hat sein Unternehmen auch nur das Recht, im Falle einer Nichtabholung den Versteigerungserlös (nicht abgeholte Dinge werden vom Fundbüro versteigert) zu bekommen. Der Fahrer bleibt immer aussen vor.
16. Mai 2012 um 08:09 daniel.(Quote)
Die Info mit dem BVB Fan hätte vorher kommen sollen
Ich wohne in einem Randgebiet von Dortmund und unsere Bahn von der Stadt zu uns bis zu meiner Arbeit hält am Signal Iduna Park. Sprich, wir haben häufiger mit Bahnen zu tun, in dennen BVB Fans sind (meine freundin mehr, da sie als Krankenschwester auch am Wochenende arbeiten muss bzw bei Spielen unter der Woche meistens in diesen Strom hineingerät). Was man da erlebt ist nicht mehr feierlich.
Wenn man sich dafür am Wochenende einmal anders quer durch das Ruhrgebiet bewegt, begegnet man in den Zügen auch andere Fans, da habe ich weniger von den peinlichen Personen kennengelernt. Schade, wenn sich solche Vorurteile zu häufen scheinen (auch wenn ich natürlich nicht alle assig finde und, lässt sich hier ja nicht ausschliessen, genügend normale Fans kenne).
Ansonsten muss man sagen, dass es sicherlich irgendwo ein Karma Konto gibt und Torsten hier eine gute Gutschrift erhalten hat
16. Mai 2012 um 14:27 Caron(Quote)
@Torsten
Könntest Du dazuschreiben, woher Du das hast – sprich, wie sehr man darauf vertrauen kann, dass das richtig ist?
Ich habe den Volltext nicht vorliegen und kann es deswegen nicht prüfen, aber aus dem Gedächtnis könnte ich mir durchaus auch die Argumentation aus BGHZ 101, 186 bei einem Taxi vorstellen.
Dabei wurde einem Supermarktinhaber der Finderlohn für einen 100DM-Schein zugesprochen, den ein Kunde in seinem Laden gefunden hat. (Wenn man das etwas durchdenkt, ist das auch sinnvoller, als man zunächst vielleicht denkt.)
P.S: Die Antwort zum Kommentar 18 unter “Werbung? Nein Danke!” würde mich auch interessieren
21. Mai 2012 um 02:40 Mariha(Quote)
Nö, las Fahrer hast du eigentlich nach jeder Fahrt zu prüfen, ob etwas im Fahrzeug verblieben ist. Ein Handy oder ähnlich kleine Dinge sieht man bei Nacht immer recht schwierig auch mit fahrzeuginnenbeleuchtung.
13. März 2013 um 15:25 XJ900(Quote)
Dortmund-Fan? Hättste mal ‘nen Schalke-Aufkleber draufgebappt