Wann dann?
Die letzte Nacht war genauso untypisch wie der Heilige Abend. Während am Donnerstag unglaublich viel los war, sogar das übliche “Bescherungsloch” blieb völlig aus, war am ersten Feiertag bis Mitternacht so gut wie nichts zu tun.
Vor lauter Langeweile und weil an allen anderen Ständen genau gar nichts ging hab ich mich dann auch mal an den Bahnhof gestellt.
Kurz nach 20 Uhr stand ich dann als sechster oder siebter in der Reihe und hörte von einem Kollegen weiter vorne über Funk:
“Vorsicht, die will nach $15kmWeitWeg, hat aber kein Geld! Ich fahr sie nicht!”
Bei den ersten Taxen hatte sie also kein Glück. An den beiden Wagen vor mir in der Reihe ging sie schnurstracks vorbei und setzt sich ohne Kommentar zu mir in den Wagen. Rucksack, anständig gekleidet, etwa 25-30 Jahre alt, schwer einzuschätzen.
“Ich muß nach $15kmWeitWeg, meine Oma wartet da auf mich und bezahlt die Taxifahrt.”
Tja, falls die Oma nicht bezahlt sitzte ich mit einer unbezahlten Taxifahrt im Wert eines halben Schichtverdienstes da. Und auch wenn ich den Job sehr mag, eigentlich will ich damit Geld verdienen. Ich stellte also die üblichen Fragen:
“Wie sieht es denn mit einem Pfand aus? Handy, Uhr, Schmuck? Wenigstens ein Ausweis? Überhaupt kein Bargeld, nicht mal ein bißchen?”
Zwecklos, einzig eine Krankenkassenkarte mit Zusatzzettel “Zuzahlungsbefreit lt. SGB” oder so ähnlich. Jedenfalls ein klarer Hinweis darauf, daß die Dame eher keiner regulären Arbeit nachgeht. Da schrillen eigentlich alle Alarmglocken.
Es wäre durchaus möglich, daß sich auf diese Weise z.B. ein Junkie die Fahrt zum Dealer erschwindelt und am Ziel einfach abhaut.
“Ich hab eben noch Oma von der Telefonzelle aus angerufen, das klappt bestimmt!”
Sie war den Tränen nahe. Eine gute Minute saß sie jetzt schon im Taxi und machte einen wirklich verzweifelten Eindruck.
In dem Moment setzte dann auch endlich der “Taxifahrer-Verstand” aus und ich begann mal ernsthaft nachzudenken.
Was, wenn die Geschichte wahr ist.
Erster Weihnachtsfeiertag ohne Geld am vermutlich häßlichsten Bahnhof Deutschlands gestrandet, noch 15 Kilometer bis zur Familie. Oder vielleicht bis zum letzten Teil der Familie, mit dem man Weihnachten noch verbringen möchte. Was mag vielleicht passiert sein, ist der Heiligabend vielleicht so dermaßen schief gelaufen, daß sie sich Hals über Kopf und ohne Geld auf die Reise gemacht hat?
Scheiße, selbst wenn es am Ende der Fahrt kein Geld gibt: Es ist Weihnachten!
Wann, wenn nicht jetzt muß einfach das Herz über den Geldbeutel siegen? In diesem Monat werde ich allein an Trinkgeldern das zehnfache dieses Fahrpreises in der Tasche haben…
Eigentlich war es eine Win-Win-Situation. Entweder habe zur absolut schwachen Zeit eine sehr gute Fahrt. Oder ich bessere mein Karma-Konto ein wenig auf und kann mit gutem Gefühl nach Hause fahren.
“Schnallen Sie sich bitte an, los gehts!”
Am Ziel stand übrigens Oma schon mit geöffneter Geldbörse in der Haustür…
26. Dezember 2009 um 08:23 Volker(Quote)
Versteh nicht ganz, warum die junge Dame nicht einfach die Fahrt angetreten ist, ohne vorab zu erklären, dass sie kein Geld dabei hat. Wenn sie absolut sicher ist, dass am Fahrtziel die Oma wartet und bezahlt, hätte sie doch wie jeder andere Fahrgast ganz normal losfahren können.
Oder wird man als “schwer einzuschätzende” 25-jährige Frau mit Rucksack bei einer 15-km Fahrt etwa schon vor der Fahrt vom Taxifahrer gefragt, ob man auch genug Geld dabei hat, um sich die Tour leisten zu können?
26. Dezember 2009 um 08:26 Torsten Bentrup(Quote)
Das ist schon so ziemlich die Grenze, bei der viele Taxifahrer direkt nach Vorkasse fragen.
Mit “offenen Karten zu spielen” ist allerdings auch eher ein guter Charakterzug. In diesem Fall vielleicht ein bißchen ungeschickt. Aber nicht jeder ist ja mit den Gepflogenheiten im Taxigewerbe vertraut.
26. Dezember 2009 um
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Carsten, Taxi Blog erwähnt. Taxi Blog sagte: Wann dann?: Die letzte Nacht war genauso untypisch wie der Heilige Abend. Während am Donnerstag unglaublich viel l… http://bit.ly/5qXaGp [...]
26. Dezember 2009 um 09:46 Klaus(Quote)
Tolle Aktion von dir!
Weiterhin frohes Schaffen bis Neujahr!
26. Dezember 2009 um 09:58 Parkrocker(Quote)
“Zuzahlungsbefreit lt. SGB” ist keineswegs ein klarer Hinweis auf einen fehlenden Job. Arbeitslose werden nicht pauschal befreit. Die zahlen genau so voll zu wie jeder andere…
26. Dezember 2009 um 11:58 Igor Myroshnichenko(Quote)
Da sieht man, es gibt noch Menschen, die eine gute Seele haben!
26. Dezember 2009 um 12:45 Otto(Quote)
@Parkrocker, dein zweiter Satz ist keinesfalls eine Erklärung für den ersten!
26. Dezember 2009 um 13:19 Thomas(Quote)
Kurze Klugscheißerei zu den Festtagen: Zuzahlungsbefreit lt. SGB bedeutet vermutlich, dass die Dame in diesem Jahr bereits 2 % (oder wenn sie chronisch krank ist 1 %) ihres Verdienstes in medizinische Versorgung (die Zuzahlungen halt) gesteckt hat und dass der Krankenkasse auch belegt hat.
Und nach der Klugscheißerei die Schleimerei: Finde ich gut, was du gemacht hast.
Viele Grüße aus der Stadt mit dem schönsten Bahnhof im Land
Thomas
26. Dezember 2009 um 13:27 Ischka(Quote)
Der vermutlich hässlichste Bahnhof Deutschlands? Ich hoffe du meinst damit nicht Paderborn? Der ist zwar relativ hässlich, aber es gibt noch wesentlich hässlichere. Laut “Allianz pro Schiene” sind Menden und Hagen die hässlichsten Bahnhöfe in NRW. Und mit beiden hatte ich schon das Vergnügen. Wobei man Hagen sogar noch einen gewissen Ziegelei-Charme absprechen kann, aber Menden ist eine komplette Katastrophe.
http://www.derwesten.de/wp/region/Stinkende-B...
26. Dezember 2009 um 13:37 Tichondrius(Quote)
Die Karma-Pluspunkte gibts aber noch oben drauf
26. Dezember 2009 um 13:54 flo(Quote)
so als fleissiger leser werde ich jetzt zum ersten mal auch nen kommentar abgeben
. der hässlichste bahnhof deutschlands ist wohl leider in meiner heimatstadt würzburg. auch wenn der rest der stadt wirklich wunder schön ist. schöne restfeiertage und nen guten rutsch.
26. Dezember 2009 um 14:00 flo(Quote)
wunderschön wird zusammen geschrieben -.-
26. Dezember 2009 um 14:25 Mario - signal77(Quote)
Warum nicht bei der Oma angerufen und von ihr nochmals die Adresse durchgeben lassen?
Das einfachste und naheliegendste nicht gemacht????
26. Dezember 2009 um 14:26 Tiffy(Quote)
Bescherungsloch, das ist ja lustig. Ob man bei “Genial daneben” darauf kommen würde, was es bedeutet?!
26. Dezember 2009 um 15:04 nadar(Quote)
Wie würdest du das handhaben, wenn die Anfrage über Handy kommt?
[ordentlich lallend] “Hallo, hier ist Mike Meier, ich brauche ganz dringend ein Taxi von A nach B! Auf Rechnung! Ach ja, ich soll noch sagen, dass das für Mandy Müller ist!”
Weder Handynummer noch die Namen waren mir bekannt, der Anruf kam zudem in einem sehr arbeitsreichen Zeitraum…
26. Dezember 2009 um 15:06 AnjinSan(Quote)
guter junge.
im ernst, herz vor verstand in diesen tagen ist sehr, sehr selten.
und du bist bei mir, obwohl unbekannt, ein stück weit nach oben in der sympathie gerutscht.
zuzahlungsbefreiung: meinereiner zahlt am jahresanfang einen grösseren betrag ein, kriegt ne karte und muss nicht quittungen sammeln etc, sondern ganz entspannt arzt, apotheke, therapie aufsuchen.
26. Dezember 2009 um 15:08 Kirchendiener(Quote)
Irgendwie bin ich auch immer prädestiniert, gerade solche Fische an Land zu ziehen. Meistens hatte ich dann doch Glück – und das Vorschuss-Vertrauen wurde belohnt…
26. Dezember 2009 um 19:53 Marco(Quote)
Das ist aber eine schöne Weihnachtsgeschichte – und auch noch mit Happy End für beide Seiten.
26. Dezember 2009 um 19:54 Walter(Quote)
A) Der hässlichste Bahnhof Deutschlands ist derzeit……. SOEST !!
Eine einzige Baustelle !
B) Die allerallerallermeisten Taxifahrer haben ein gutes Herz, aber können es nicht immer so zeigen………..
27. Dezember 2009 um 01:37 Markus(Quote)
Torsten, gut gemacht. BTW: hast du gestern Abend (1. Weihnachtstag) gegen 22 Uhr bei McDonalds gestanden und im Auto einer Kollegin gesessen und gegessen? Habe kurz überlegt, ob ich den taxibloger im Reallife gesehen habe.
Zum hässlichsten Bahnhof: Wenn ihr meint, ihr kennt den hässlichsten Bahnhof … dann schaut mal auf der Fahrt von Hagen nach Köln links raus … auf den Bahnhof Ennepetal. ich habe immer Angst, dass das Gebäude einkracht, wenn ein Zug vorbeifährt.
Markus
27. Dezember 2009 um 04:30 Tichondrius(Quote)
Wär doch gut, fast so gut wie brandsaniert…;)
27. Dezember 2009 um 07:38 Torsten Bentrup(Quote)
@Tiffy: Dazu gibt es im Moment genau zwei Google-Funde, beide verweisen auf diesen Eintrag. Damit bin ich wohl bei “Genial Daneben” nicht wirklich an der richtigen Adresse. Blöd eigentlich. Obwohl ich ja dem Hoecker schon zutrauen würde, daß er hier mitliest.
@Walter: Mein Reden. Wenn man nett und respektvoll mit Taxifahrern umgeht, zeigen sie ihr Herz sogar manchmal! Jaja, wir haben (wie jeder Beruf) auch in unseren Reihen ein paar unglaublich dämliche Idioten.
@Markus: Jupp, das waren “Funkstörung” und ich. Ein feines Abendessen beim freundlichen Edelschotten…
27. Dezember 2009 um 11:11 doc_holiday(Quote)
Was für eine schöne Weihnachtsgeschichte!
27. Dezember 2009 um 16:20 krustyDC(Quote)
Fein gemacht
Aber najaaaa…3euro Sprit riskieren für die einzige Fahrt die absehbar gehen wird, ist doch eigentlich ne einfache Entscheidung
27. Dezember 2009 um 19:41 Alex K.(Quote)
Na, wie rührend, da hab ich tatsächlich ein paar Tränchen vergossen. Toll geschrieben & erlebt! Tja, glücklicherweise gut drauf gewesen und den Taxifahrer-Verstand abgeschaltet, Glückwunsch. Freut mich, dass es gut gelaufen ist, sonst hätte das Menschen-Vertrauen wieder einen Knacks gehabt…
27. Dezember 2009 um 21:59 Gucky(Quote)
Ich habe mich auch über deine Entscheidung gewundert…
Natürlich begrüße ich sie !
Meine Erfahrung ist die, daß die das sagen, meistens bezahlen. Diejenigen die betrügen wollen, machen es so, daß sie einsteigen, fahren und am Fahrtziel abhauen oder sich mit fadenscheinigen Ausreden verdrücken wollen.
28. Dezember 2009 um 06:14 Torsten Bentrup(Quote)
@krustyDC: Naja, Du unterliegst da einer Einschätzung, die ich auch im Dienst ab und zu höre. Es sind ja nicht nur die Spritkosten. Letztendlich schulde ich meinem Chef genau das, was auf dem Taxameter aufläuft. Jede Abweichung muß ich so plausibel erklären, daß er die Erklärung auch genauso plausibel beim Finanzamt anbringen kann (die gehen sonst davon aus, daß genau dieser Umsatz auch gemacht wurde). Oder eben in die eigene Tasche greifen, um den Umsatz auch in die Taxibörse zu packen.
@Alex K: Das mit dem Vertrauen ist ein wichtiger Punkt. Ich hadere oft genug in dem Punkt, irgendwann verbittert jeder und wird “aus Erfahrung” zum hartherzigem Arschloch. Glücklicherweise bin ich immer noch fett im Plus und das “Plus-Konto” wird auch jedes Jahr weiter aufgefüllt. Ich mache auf lange Sicht immer mehr gute als schlechte Erfahrungen. Hoffentlich endet das nie und hoffentlich denke ich nie, daß sich das geändert hätte.
@Gucky: Ich hab auch schon 65 Euro in den Sand gesetzt, obwohl derjenige vorher angekündigt hat, kein Bargeld zu haben. Er wollte direkt überweisen: “Wurde überfallen, ausgeraubt und Du kriegst am Ziel meinen Flatscreen als Pfand!”. Das Arschloch ist schneller um die Hausecke verschwunden, als ich gucken konnte.
29. Dezember 2009 um 18:14 krustyDC(Quote)
Aaah, danke für die Erklärung
inwieweit Taxameter direkt vom FA abgerechnet werden und über gängige Entlohnungsmodelle bei Taxifahrern habe ich natürlich wirklich keine Ahnung
29. Dezember 2009 um 20:13 MaxiMegalon(Quote)
Danke!
31. Dezember 2009 um 08:01 EckiPB(Quote)
Ja, lieber Torsten,
solche “Geschichten” habe ich – wie du dir denken kannst – auch schon erlebt!
Allerdings steht bei mir – zumindest finanziell – noch ein Minus in der Bilanz.
Da steht eine Fahrt für 125 DM zu Buche – mitten im Winter kommt ein Typ zu mir am Westerntor ans Taxi und erzählt, seine Freundin habe ihn grad rausgeworfen und er habe noch alles wichtige in der Wohnung: Handy, Geldbörse mit EC- Karte…
Er fror richtig!
@Mario-signall77:
Da bin ich auch auf die Idee gekommen, bei ihm zuhause anzurufen und zu überprüfen, ob sein Bruder – wie versprochen – den Fahrpreis bezahlen kann/will.
Alles klar, das Versprechen hatte ich und bin losgefahren.
Am Zielort angekommen geht mein Fahrgast zum Haus und kommt lange nicht wieder. Als ich schließlich mal klingel, erklärt man mir, sie hätten kein Geld und ich solle verschwinden.
Leider konnte mir auch die herbeigerufene Polizei nicht wirklich helfen.
Die Strafanzeige und eine Geldforderung erbrachten nix!!!
Aber letzten Monat stieg eine Frau zu mir ins Taxi und sagte, sie müsse schnell zur Arbeit, habe aber ihr Portmonee zuhause vergessen. Sie käme auf dem Rückweg zum Bahnhof und könne mir das Geld dann geben, spätestens am nächsten Tag!
Was soll ich sagen, am nächsten Tag rief sie mich tatsächlich an und brachte mir das Geld zum Bahnhof!
Ich hoffe, dass Beide das lesen und sich der Eine in Grund und Boden schämt und die nette Dame sich über ihre eigene Ehrlichkeit freut!
In diesem Sinne wünsche ich dir, lieber Torsten und deinen Lesern einen guten Rutsch (aber nicht mit dem Taxi!!!) und alles Gute für 2010: Erfolg, Gesundheit und Zufriedenheit!