Zwielichtiges
Manche Dinge, so dachte ich bisher, gibt es nur im Fernsehen. Mitnichten!
Der “Treffpunkt” machte schon einen subversiven Eindruck. Eine Dorfkirche im Paderborner Umland. In den frühsten Morgenstunden. Lange nach üblichen Kneipenschlußzeiten, lange vor den ersten abfahrenden Zügen. Nach ein paar Minuten Warterei rüttelte er an der Beifahrertür. Kurzer prüfender Blick und ich ließ ihn rein. Seit den ähnlich geplanten Überfällen vor ein paar Wochen nutze ich die Zentralverriegelung in solchen Situationen gerne.
Verblüffenderweise war er stocknüchtern. Aber in Plauderlaune. Und die Fahrt war eine knappe halbe Stunde lang, genug Zeit also, um ihn auszufragen und meine Neugierde zu befriedigen.
“Ich mußte grade ein Auto überführen. Und das mach ich am liebsten um diese Zeit. Weniger Stress, weniger Gefahr.”
Das es nicht seine Autos sind, die er “überführt” war klar.
Meine erste Vermutung war, daß es ein Kollege sein könnte. Im beschaulichen Hövelhof hatte ich da auch ein paar Kunden, die mir auf dem Weg von der Kneipe nach Hause den Schlüssel der Luxuskarosse in die Hand drückten mit der Bitte, den Wagen doch bei Gelegenheit nach Hause zu bringen.
Wenn dann irgendwann alle Kneipen zu waren und die Langeweile begann, hab ich mich dann aufgemacht und die Autos “ausgeliefert”, der Autoschlüssel landete dann im Briefkasten oder im vereinbartem Versteck. Ich musste mich damals schon häufiger bremsen, um nicht mal “kurz” über die Autobahn zu fahren. Kleinwagen war das nämlich nie. SL, E55 AMG oder M5 stand typischerweise auf den Typenschildern.
Aber wieso redete er von “Gefahr”? Nun, die Besitzer der Wagen hätten es schlicht ziemlich scheiße gefunden, wenn sie ihn erwischt hätten. Und man weiß ja nie, wie jemand reagiert, wenn da grad jemand in den Wagen einsteigt, den man eigentlich lieber behalten möchte…
Autodieb? Nee, irgendwie nicht. Rückführer trifft es eher.
In den Fällen ist nämlich der Besitzer nicht der Eigentümer. Und der Eigentümer hätte gerne sein Eigentum wieder, der Besitzer rückt es aber nicht so einfach raus.
Gründe gibt es wohl viele. Scheidungen sind der häufigste. Und wenn der Rosenkrieg so richtig tobt, wird auch gerne mal so getan, als wäre das gute Stück gestohlen worden. Ich finde es ja immer wieder erstaunlich, zu welchen Aktionen Menschen, die sich mal geliebt haben, fähig sind.
Nun, wenn der “Diebstahl” der Versicherung gemeldet wird, kommt dann gelegentlich mein Fahrgast ins Spiel. Ausgerüstet mit Zweitschlüssel und Fahrzeugbrief (falls man sich mal der Polizei gegenüber erklären muß) schleicht er dann nachts durch die Gegend und holt die Fahrzeuge wieder. Versicherung glücklich, Eigentümer auch.
Unsere Fahrt näherte sich dem Ende und mir fällt ein Wagen auf, der uns zu folgen scheint. Naja, gleicher Weg, kommt vor. Auch zu nachtschlafender Zeit.
Mulmig wurde mir dann, als ich am Ziel anhalte und merke: Der Verfolger hält auch direkt hinter mir an.
Im Spiegel sehe ich, wie der muskulöse Fahrer aussteigt und langsam zu uns kommt.
Mein Fahrgast wurde von mir drauf aufmerksam gemacht, konnte sich aber auch keinen konkreten Reim drauf machen…
Ich fülle die Quittung aus und sehe aus den Augenwinkeln, wie er neben der Fahrertür steht und mich anstarrt. Es war nicht ganz leicht, in dem Moment so zu tun, als wäre ich entspannt und lässig.
Nur die Ruhe. Quittung zu Ende ausgefüllt und übergeben, Geld in die Börse gesteckt.
Die Zentralverriegelung jetzt noch reinzuhauen war mir dann auch zu doof. Wer will, kommt auch die Scheibe. Und der Verfolger sieht nicht sonderlich vertrauenserweckend, dafür aber sehr kräftig aus.
Ich öffne das Fenster einen Spalt.
“Ja? Kann ich Ihnen helfen?”
“Chein Problem!”
“Ja, und?”
Er wiederholt seine Worte und wartet bis mein Fahrgast ausgestiegen ist…
“Charrem?”
knurrt er mit osteuropäischem Akzent.
“Äh, was?”
“Charrem? Arbeiten noch?”
Was zum Teufel will der von mir?
Dann dämmert es mir…
“Das Harem? Ob die noch geöffnet haben?”
Scheiße, wir sind locker 30 Kilometer von dort entfernt.
“Äh, nein. Die haben schon seit 3 Uhr geschlossen. Sorry.”
“Chut.”
Dreht sich um und steigt in sein Auto.
Einen kurzen Schreckmoment verpasste er mir dann doch noch. Er wendete so ungeschickt, daß er sowohl meinem Fahrgast als auch mir sekundenlang die Weiterfahrt unmöglich machte. Ich hatte schon den Rückwärtsgang drin. In Gedanken sah ich schon das Mündungsfeuer aus seinem Beifahrerfenster…
Kam aber nicht. Er war wohl wirklich nur auf der Suche nach einem offenen Puff.
War aber auch gut so. Echt jetzt.
7. Mai 2012 um 20:59 Ingmar(Quote)
Uhhhhh, da läuft es einem ja tatsächlich eiskalt den Nacken runter…
7. Mai 2012 um 21:13 Wolfy(Quote)
Ich hätte mir ja so was von in die Hosen gemacht…! Insbesondere bei dem Vorbla – kann ja ein wütender Ex-Gate sein, der bitte das Auto wieder haben will, dass nicht sein Eigentum ist *Grusel*
8. Mai 2012 um 08:58 alleliebenwilli(Quote)
Ist schon beschaulich im Paderborner Umland *schauder*
8. Mai 2012 um 10:21 Torsten Bentrup(Quote)
@Wolfy: Ich hab so das Gegenteil von einer Angststörung. Ich entscheide, wenn es sein muß, vorher sind Emotionen kaum spürbar für mich. Ich hab gemerkt, daß ich lieber grade nicht in dieser Situation gewesen wäre… Aber Panik oder so gibt es bei mir nicht. Und nur kein Neid, manchmal ist es extrem ätzend, daß ich erst auf der Waage merke, daß da wohl Emotionen wären. Bezogen auf mich, wohlbemerkt. Interessanterweise kann ich mich perfekt in andere Menschen reinversetzen. Trauern, weil anderen Menschen was passiert, geht, für mich selbst hab ich nicht ansatzweise diese Gefühle. Da ist es voll okay… Psyche ist ein Arschloch.
8. Mai 2012 um 18:52 Wolfy(Quote)
@Torsten:
Den letzten Satz kann ich voll und ganz unterschreiben!
9. Mai 2012 um 10:03 nur ein Hinweis(Quote)
Der (coole) Film zum Auto-Rückführungs-Job: Repo Man von Alex Cox, mit Emilio Estevez (1984). Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Repo_Man
23. August 2012 um 21:13 andi(Quote)
ich hätte vor zwei jahren wissen müssen, dass es solche rückführer gibt.